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Fortsetzung: Auf dem falschen Weg

2014

Jamie hatte mit Adam Mullroy einen Treffpunkt ausgemacht, der womöglich etwas ungewöhnlich war für ein Date. Umso eher rechnete sie sich Chancen aus, dass dieser Adam von ihr schnell Abstand nehmen wollen könnte. Früher, in ihren Studienjahren war sie öfter mit ihrem Adam über den Friedhof spaziert. Ihr Adam, nein, das war ja auch falsch. Dieser Adam ließ sich von Jamies Idee aber nicht sonderlich abschrecken und so trafen sie sich am folgenden Tag auf dem Friedhof. Die Ruhe war fast ohrenbetäubend und leichtfüßig ging Jamie neben Adam auf den kiesigen Steinweg, wobei die Dämmerung die Grasgrenze verschwimmen ließ und nicht nur die. Ein seltsames Gefühl des Wiedererlebten holte Jamie ein, also mühte sie sich zwanghaft um ein Gespräch.

"Wie geht's Ihnen, Adam?", fragte sie höflich, während sie an Familiengräbern vorbeigingen und unter einer dunklen Baumallee hinab tauchten.

"Gut, danke danke. Und Ihnen, Jamie?"

"Ebenso."

Schweigend gingen sie ein Stück durch die Dunkelheit, als Adam plötzlich fragte: "Würden Sie mir eventuell ein Problem abnehmen?"

"Ähm... ich kann es versuchen.", schlug Jamie ahnungslos vor.

"Nun, wie Sie wissen, bin ich der Chef des Konzerns, in welchem Ihr Bekannter eine befristete Beschäftigung hat.", begann er ernst. Jamie schluckte. Das klag nach Entlassung.

"Ja, und Luke ist in äußerstem Maße zufrieden. Und ich versichere Ihnen, dass es keinen fleißigeren, emsigeren, zuverlässigeren Mitarbeiter gibt als...", das war vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Sie hörte sein Giggeln neben sich.

"Das weiß ich auch, glauben Sie mir!", fuhr er fort. "Daher würde ich ihm ja gerne eine unbefristete Stelle anbieten, würden Sie mir dabei helfen? Also wollen Sie es ihm sagen?"

In Schockstarre war Jamie stehen geblieben und sah Adams Schatten vor sich ein wenig weiterschlendern. "Wirklich?", fragte sie und Adam hatte erst dann festgestellt, dass Jamie nicht mehr neben ihm herging. "Aber klar!", rief er zurück. Jamie fiel ihm förmlich um den Hals.

"Oh, vielen, vielen, vielen Dank Adam! Das bedeutet ihm sicher so viel!"
Adam strich ihr an der Wange entlang und hob ihr Kinn an. Mit Adam auf dem Friedhof, wie früher und doch nicht so wie früher. Er beugte sich vor und ihre Lippen waren nicht mehr weit von ihren entfernt. Da machte Jamie einen Rückzieher. "Hören Sie Adam, ich bin keins dieser Mädchen!", ihre Augen verengten sich, um seine Konturen besser ausmachen zu können.

"Was für ein Mädchen?", die Frage klang wie überflüssiger Spott in ihren Ohren.

"Dass vorgeschickt wird, um einem Freund einen Job zu besorgen auf jede schmutzige Art und Weise.", sie biss dabei ihre Zähne zusammen, um ihn nicht anzufallen, insbesondere nicht auf einem Friedhof.

"Jamie, ich bin enttäuscht, dass Sie glauben, dass ich derartiges von Ihnen denke. Ihr Bekannter bekommt den Vertrag nicht Ihretwegen, sondern weil er schwer dafür gearbeitet hat. Und von Ihnen erwarte ich dafür keine dankbare Gegenleistung!", verteidigte er sich.

"Oh.", peinlich berührt rieb Jamie die Hände gegeneinander.

"Ja, oh!", wiederholte Adam gereizt und stolzierte weiter. Jamie holte ihn ein. Sie verließen die dunkle Baumallee und fahles Licht traf sein Gesicht. Er wirkte wie ein Schimpansenbaby, das auf den Arm genommen werden wollte. Dieses Mal entschloss sie sich die Wahrheit für sich zu behalten. Auch wenn ihr erstes Treffen sie ihrem Aplomb schuldete, sie hatte zu oft Männer mit ihren verniedlichenden und entmannenden Vergleichen verscheucht. Sei es Killian, der in die Weltgeschichte als plüschiger Pandabär einging, Jason- der Koboldmaki oder eine Jugendliebe, welche längst verheiratet war: Miles, der katholische Klosterschüler. Nein, dieses Mal würde sie es hinunterschlucken. Adam blickte auf sie hinunter und es fuhr ihr kalt den Rücken runter. Sie wies auf eine Bank in ihrer unmittelbaren Nähe, sie müsste zu einer Notlüge greifen, koste es, was es wolle.


2000

Über Jahre besuchte Jamie die Tanzschule, weil ihre Mutter darauf bestand, dass sie einen ordentlichen Walzer auf das Parkett bringen konnte. Dort lernte sie Clive kennen. Clive war ein Jahr jünger als Jamie, allerdings war Jamie mit ihren knapp 16 Jahren auch alles andere als erwachsen, sodass die beiden sich gut verstanden und die Pausen zwischen den Tänzen auch herumalberten. Damals war Jamie eine recht schwer führbare Dame, die sich liebend gerne gegen die von Clive erwünschten Drehungen aufbegehrte. Das störte Clive nun aber nicht sonderlich. Er mochte Jamie und ein Jahr lang hielt er es schließlich mit ihr aus. Ein Jahr lang, bis er ihr nach 8 Monaten das
Geständnis machte, bald ein Austauschjahr in Amerika verbringen zu wollen.
Für Clive hatte Jamie das gleiche übrig wie für ihre Cousins, also umarmte sie ihn und stellte mit einem melancholischen Auge fest, dass sie dann ja nicht mehr tanzen würden. Die letzten zwei Monate vergingen wie im Flug bis der Tag angerückt war, an dem sie das letzte Mal tanzen würden. Die Pause an dem Tag ging eher schleppend dahin. Im Bewusstsein hatte Jamie nur wie ein Damoklesschwert über sich schweben, dass innerhalb eines Jahres sie ihn heute zuletzt sehen würde. Oberflächlich freute sie sich aber für ihn, wie es sich eben auch gehörte für eine gute Freundin. Schließlich war es halb acht und die Lehrer klatschten in die Hände: "Saison-Ende, ihr Lieben! Bis zum nächsten Kurs!"

Unschlüssig standen die beiden nun voreinander. Jamie hasste Abschiede, es fielen dabei pathetische Sätze, Versprechen, die nie gehalten wurden und die Umarmungen waren für ihren Geschmack zu triefend. Während Jamie also darauf wartete, dass ihre Mutter endlich anfuhr, leistete Clive ihr Gesellschaft und kickte einen Kiesel vor sich her.

"Jamie?", fragte Clive schließlich.

"Hm...", na toll, es fängt an, dachte sie. Jamie zwang sich ihn nicht anzusehen und dem Verabschiedungsritus zum Opfer zu fallen. "Jamie, versprichst du...würdest du...", Clive kramte einen Zettel aus seiner Tasche und reichte ihn ihr. Seine E-Mail-Adresse war in großen Buchstaben darauf geschrieben, sie konnte nur erahnen, wie viele Zettel er beschrieben hatte, ehe ihm seine Schrift zusagte. "Würdest du mir schreiben?", platzte es endlich aus ihm heraus.

Das war so unschuldig, dass sie gerührt den Zettel in ihre Hosentasche steckte und ehrlich "Ja, werde ich Clive.", versprach. Sie umarmte ihn dann doch, natürlich wieder etwas zu triefend, sodass er sich zu ihr hinunter beugte, in der Hoffnung, sie würde es erwidern. Aber Jamie drehte sich weg, winkte ihm ein "Bye, viel Spaß dann entgegen." und rannte auf das herbeifahrende Auto in der Einfahrt zu.

Natürlich hatte Jamie den Zettel innerhalb von drei Tagen verloren, sodass sie Clive nie geschrieben hatte. Jahre später traf sie ihn wieder auf dem Bahnhof in Heavensrain. Er hatte sie stets um anderthalb Köpfe überragt, daran hatte sich nichts geändert, aber er wirkte viel lockerer und gelöster. Seinen strengen Pullunder hatte er gegen ein Pink Floyd T-Shirt eingetauscht. An seinem rechten Handgelenk erkannte Jamie Festival-Bänder und Bartstoppeln ließen ihn wesentlich älter wirken. Sie setzten sich in ein Café nahe der Gleise, sodass der schnell hinrennen konnte, dessen Zug eher kam. Die Zeit füllte Jamie aus mit Anekdoten aus ihrem Uni-Alltag und Clive ergänzte sie mit seinem.

"Oh man, entschuldige", Jamie wischte sich vergnügt Lachtränen weg.

"Ich wollte dich gar nicht so zulabern!"

"Tust du nicht!", versicherte Clive ihr. "Ich hatte dir immer gespannt zugehört." Erwartungsvoll hatte er sie angesehen und Jamie war unendlich dankbar, dass ihr Zug vorfuhr und sie wieder wegrennen konnte.


2014

"Sehen Sie, Adam", Jamie holte tief Luft, es musste eine glaubhafte Notlüge sein. "Ich bin gerade aus einer ziemlich intensiven Beziehung raus.", gerade konnte auch ein Jahr bedeuten. Gut, es war
gelogen.

"Also, ich bin geschmeichelt von Ihren Avancen, dennoch ich bin noch nicht so weit. Daher sehe ich solche Annäherungsversuche wohl auch im falschen Licht.", betrübt sah sie auf ihre Hände. Den Oscar hätte sie mindestens verdient.

"Das müssen Sie entschuldigen. Ich bin nicht soweit. Ich...", dramaturgische Pause auf der Klimax, "Ich kann unmöglich von Ihnen erwarten, dass Sie auf mich warten." Ein Akt der Selbstlosigkeit, das war gar nicht so übel. Und Adam schien, soweit Jamie es in der Dunkelheit erkennen konnte, nicht gekränkt. Nichtsdestotrotz drängte sich ein Schuldgefühl auf, dereinst hatte sie einem Mann gesagt, er erinnere sie an einen ihrer Freunde, sodass sie nichts mit ihm anfangen könne. Niemals danach benutzte sie diese Ausrede. Der arme Kerl lag die Nacht lang wach und grübelte darüber, ob es der wahrhaftige Grund zu ihrer Absage hatte sein können.

Ein Bauchgrummeln wies sie allerdings darauf hin, dass sie Buße tun wollte: "Wenn Sie da Zeit haben, meine Eltern veranstalten alljährlich eine Sommerdinnerparty. Ich würde Sie da herzlich dazu einladen, als Kumpel!", sie stieß ihn kumpelhaft an der Schulter, merkte, dass es zu viel des Guten war und setzte sich aufrecht hin. Aber ja, Adam sah dem freudig entgegen, als Kumpel.

Zu Beginn von Tolstois Anna Karenina hieß es „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ So ähnlich hielt Jamie es gewöhnlich mit Hochzeiten: alle Hochzeiten glichen einander, aber Scheidungen unterschieden sich auf die ihnen eigene Art und Weise. Bis zu jenem Tag als sie Lillys Hochzeit besucht hatte, war der Grundsatz recht fest in ihr angelegt. Unbestreitbar war jedoch, dass es gewisse universale Aspekte gab, die die Austauschbarkeit unterstrichen.
Julianne und Travis hatten einen riesigen Saal in einem Hotel gebucht, der des Öfteren Bälle ausrichtete, etwa in der Größenordnung befand sich auch die Hochzeitsgesellschaft. Schon am Eingang befand sich eines der Blumengestecke, bestehend aus perfekten weißen Rosen und Lilien. Auf den weißen Tischen standen kleine Kopien desselben und die Platzkarten, auf denen der Name des entsprechenden Gastes in erlesener Kalligrafie umgeben von Goldarabesken war, lag auf einem Gazesäckchen, in dem die üblichen Mitbringsel enthalten waren.
Jamie sah erst Mort. In den Jahren hatte er sich kaum verändert und im Anzug wirkte er weniger ernst, als belustigt. Travis begrüßte jeden Gast herzlich und hielt einen kurzen Plausch. Er wirkte glücklich, zutiefst zufrieden.
Auf Julianne erhaschte Jamie erst einen Blick, als sie von ihrem Vater zum Altar geführt wurde. Sie trug einen fließenden Stoff, ein Kleid ohne Brimborium, in welchem sie umso schöner strahlte. Bei ihrem Anblick konnte sie wirklich Tränen in den Augen sehen. Ihre Gelübde waren scheinbar abgesprochen. Sie trugen abwechselnd Walt Whitman vor:

"I give you my hand!

I give you my love more precious than money,

I give you myself before preaching or law;

Will you give me yourself? will you come travel with me?

Shall we stick by each other as long as we live? "

Jamie erinnerte sich an Travis Vorliebe für ältere Filme und das musste sicher aus Love Story stammen. Dennoch entschloss sie sich, darüber hinweg zu sehen. Immerhin trugen sie nicht den siebten Korynther zum Besten.

Nach der Trauung unterhielt sie sich noch kurz mit Mort. Der hatte sein eigenes Geschäft aufgebaut und stolz wies er auf eine Frau im Hintergrund in einem himmelblauen Kleid, die ihnen schüchtern zuwinkte.

"Linda.". Jamie klopfte ihm beglückwünschend auf die Schulter. "Und bei dir, Miss Literaturpreis?", stupste Mort sie fröhlich an. Es war Travs feierlicher Tag, und ehe sie vor ihrem ehemaligen Mitbewohner die vergangenen Jahre zusammen fassen sollte, meinte sie nur knapp:
"Japs, den strebe ich an. Sonst gibt es aber nichts spannendes."

Daraufhin folgten die Hochzeitsreden. Die der ersten Brautjungfer, eine deutlich ältere, gesetzte Frau, empfand Jamie als recht unkreativ und endete mit einem Witz auf Kosten der Braut:
" It can be said that a bride’s attitude towards her betrothed can be summed up by three words associated with weddings: Aisle, altar, hymn. Versteht ihr: I'll alter him- Ich ändere ihn."

Schenkelklopfer, Jamie verdrehte die Augen und sah Julianne wenigstens lachen. Mort hingegen hielt eine rührende Ansprache, bei welcher der gesamte Saal in bewegtes Schweigen verfiel. Mort endete in seinem gewohnten Humor: "Julianne, Travis, ich habe mir genau durchgelesen, welche Pflichten ich habe als Trauzeuge. Und ich bin gewillt, diese auch ernst zu nehmen. Als meine Pflicht gilt es nun, immer wieder zu überprüfen, ob ihr die ehelichen Pflichten einhaltet. Also rechnet mit unangekündigten Besuchen.", er hob seine Augenbraue und griff sich ans Revers. Damit war die Melancholie aus dem Raum gewischt.


2010

Den Tag über erhielt Jamie SMSen von Travis. Es war ein Tag der Doppelschichten. Es war geschehen, noch längst bevor Mort Elizas Stammkunde wurde. Er fragte sie, ob er nicht vorbeikommen könne, weil ihm etwas auf dem Herzen läge, was er mit ihr unbedingt besprechen wollte. Sie dachte daran, dass sie heute noch bis vier Uhr nachmittags bei Eliza arbeiten würde und dann gleich zum Kiss fahren müsste, um Inventur zu machen und schweigend neben Killian zu arbeiten.
Dabei wollte sie heute doch nichts anderes, als sich am Ende des Tages, und der würde heute erst um elf enden, mit ihrem Laptop ins Bett zu setzen und zu schreiben. Sie tröstete Travis hinweg, wollte ihn nicht direkt sagen, dass sie ihn nicht bei sich zuhause haben wollte, schob es auf die Arbeit, die Erschöpfung. Sie wäre auch bereit gewesen zu telefonieren, aber Besuch empfangen... Sie massierte sich den Nacken, der verspannt Signale sendete.

"Nach elf bin ich zuhause. Aber ehrlich Trav, ich weiß nicht, worum es geht, ich werde sehr müde sein, daher wäre es mir nicht so lieb.". Eigentlich rechnete Jamie damit, dass das genügen würde, um Travis von einem Besuch abzuhalten. Da rechnete Jamie aber nicht mit seiner obstinaten Art. Als sie die Auffahrt zu ihrem Apartment hochging erkannte sie eine kauernde Gestalt vor der Tür.

Die Erschöpfung war einem unbeschreiblichen Unwohlsein gewichen, sie ging weiter und sah Travis ihr zunicken. Nachdenklich stand er auf, sich wohl der Tatsache nicht bewusst, dass er unerwünscht war und Jamie sein Erscheinen damit als absolut fehl am Platz empfand.

"Ähm...tut mir leid, dass ich immer so nerve.", nahm er voraus und Jamie antwortete gereizt: "Aber nicht doch!", Marley hätte den Unterton gehört.

Er nahm bei ihr auf dem Stuhl Platz, nachdem sie einen Berg an Kleidung davon weggeräumt hatte, den sie in den vergangenen Tagen nicht hatte waschen können. Es war unordentlich, aber Jamie hatte keine Lust , sich dafür zu entschuldigen, insbesondere, wenn ihr Gegenüber ein ungebetener Gast war.

"Weißt du, Jamie, ich wollte dir nur sagen, dass ich nicht damit umgehen kann, wenn du mir etwas zusagst, und mich dann versetzt.", fing er an.
"Trav, tut mir leid, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst!", schnauzte sie ihn an und massierte wieder ihre Schulter.

Travis schien kurz zu überlegen, ob sie es ehrlich meinte, oder sich dummstellte, entschied sich aber offenbar für ersteres. "Als du ausgezogen bist, da hast du versprochen, dich zu melden, das hast du nie. Ich bin es leid, derjenige zu sein, der dir hinterherrennt.", weinerlich knetete er die Hände zusammen und Jamie war gespalten zwischen dem Drang ihn zu ohrfeigen und ihn mütterlich in den Arm zu nehmen.

"Naja und dann, letzte Woche, als ich im Kiss war, da meintest du, dass du das Wochenende Zeit hättest, aber du hast dich nicht gemeldet. Und ich verstehe nicht, weshalb du mich am laufenden Band versetzt!"

Der Vorwurf saß und hatte sie an ihrer empfindlichen Stelle getroffen. Das schlechte Gewissen wand sich in ihr wie ein überdimensionaler Bandwurm.

"Ähmm...Trav, es tut mir leid, wenn es falsch bei dir ankam! Nur, zum einen, das waren recht lose Zusagen, so gesehen hab ich dich nie versetzt! Zum anderen waren da aber viele Schichten zu arbeiten.", nach seinem ungläubigen Ausdruck begann sie rechtfertigend aufzuzählen:
"Montags bis freitags bei Eliza, meist bis 4, an den Wochenenden meistens Kiss und hin und wieder in der Woche Abendschichten. Trav, ich hab gerade viel zu tun, es ist dann auch keine böse Absicht!"

"Ich weiß ja, ich weiß!", überrascht von ihrem Arbeitspensum lehnte er sich ein wenig vor.

"Was kommst du dann auf diese Gedanken?", das Gewissen war nun untergründig, die Wut war stärker.

"Ich hatte eben die Bekanntschaft mit Mädels gemacht, die Männer ausnutzen....", fassungslos starrte Jamie ihn an, "nicht dass du so bist, aber diese Befürchtung ist eben da.". Das klang irgendwie halbherzig dahingesagt. Aber sie war zu müde, um auf die Feinheiten zu achten.

"Es ist nur eben so... ", begann er von neuem und Jamie widerstand dem Drang, mit den Augen zu rollen, "Es enttäuscht mich, verstehst du?", er blickte sehr niedergeschlagen drein. Lieber vorher verletzen, als falsche Hoffnungen machen und später noch mehr verletzen, oder?

"Ich kann mich nur wiederholen, das ist keine böse Absicht.", meinte sie gereizt.

"Weißt du, es ist nur so, dass du so nett zu mir warst. Und ich kannte dich ja kaum, ich wusste ja nicht, dass du zu allen so bist.", erläuterte er ungebeten weiter und in Jamies Ohren klang diese Feststellung nicht wie ein Kompliment, sondern eine unverfrorene Beleidigung.

"Herr Gott, ich bin zu jedem nett, weil.. weil ich nun einmal zu jedem nett BIN.", pampte Jamie ihn an.

"Das weiß ich nun auch.", zischte er zurück.

"Hör mal, ich weiß recht gut, wie es ist, sich falsche Hoffnungen zu machen, und das will ich für andere nicht!", erklärte Jamie sich.

"Da wollte ich mit dir auch mal drüber reden.", schaltete Travis sich ein.
Ein wenig vor den Kopf gestoßen fragte Jamie baff: "Worüber genau?"

"Na, die Erfahrungen, die du da gemacht hast. Jamie, ich will dich kennenlernen und besser verstehen und da interessieren mich auch diese Erfahrungen.", erklärte er ehrlich.

Peinlich berührt strich sie sich eine Strähne hinter ihr Ohr: "Das geht nicht. Nimm es mir nicht übel, aber ich bin froh, dass es in der Vergangenheit liegt und abgeschlossen ist. Ich will da nicht drüber reden!", außerdem wollte sie ihr gesamtes Männerleben nicht vor dem Mann ausrollen, der in sie offenkundig verliebt war, das schien ihr ein großes, irreversibler Fehler zu sein.

Langsam nickte er: "Hmmm, okay."

"Beruhigt?", fragte Jamie nach einer Pause.

"Ja.", atmete er erleichtert aus.

"Fein.", sie wusste, dass keine halbe Stunde vergangen war, aber sie wollte ihn eigentlich rausschmeißen, geschweige denn davon, dass sie ihn gar nicht erst hier haben wollte. Gewöhnlich wusste ein Gegenüber, dass eine längere Pause gleich einem Hinauskomplimentieren zu setzen war. Wieder überschätzte sie Travis Feingefühl.

"Mich hat schon immer interessiert, ob wir gleich gut im Poker sind.", schlug er fröhlich vor. Verblüfft blinzelte sie ihm entgegen. Das war das letzte, was sie erwartet hatte.

"Ähmm... Trav, hör mal, morgen früh bin ich wieder bei Eliza. Ich kann nicht....entschuldige...", demonstrativ reckte sie sich.

Verständnisvoll nickte er und fuhr nach Hause. Eine knappe halbe Stunde später entschuldigte er sich wortreich per SMS dafür, dass er vielleicht manchmal auf die Nerven ging, aber er sei eben so gestrickt und er könne eben nichts daran ändern, dass sie ihm viel bedeutete. Jamie griff mit schwacher Hand nach dem Handy und schrieb nur zurück, dass es ja okay war, nur, dass sie ihm nicht unnötig Hoffnung machen wolle, weil er für sie nur ein Freund war und NICHT mehr. Allerdings schätzte sie erneut seine Sturheit falsch ein.


2014

Jamie saß vor ihrem perlenden Glas Sekt. Der Abend zog in glücklicher Leutseligkeit an ihr vorbei und ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass sie bald zum Bahnhof gehen könnte und der letzte Zug sie Heim fahren würde. Am liebsten hätte sie einen Schlender durch Oxford genommen und vor dem Fenster ihrer alten WG gestanden, aus purer Sentimentalität heraus. Nur was hätte es genutzt? Sie wohnte nun seit vier Jahren nicht mehr dort und die WG wurde nun von drei ihr vollkommen Fremden bewohnt.

Stattdessen sah sie, wie Travis seine frisch angetraute Ehefrau überglücklich in seinem Arm wiegte, wie Mort und Linda am anderen Tisch Karten spielten und lachten. Jamie trank den letzten Rest, als sich Julianne plötzlich neben sie setzte. Ihr blondes Haar war mit zwei Zöpfen geschickt hochgeflochten und darin waren Enzianblüten verteilt. Ihre Augen hatten etwas erfrischend Ehrliches und nun erst sah Jamie, wie viele Sommersprossen sich um ihre dünne Nase tummelten und sie so jung erscheinen ließen. "Jamie, richtig?"

Irritiert nickte Jamie. "Willst du schon gehen, Jamie?"

Wieder nickte sie.

"Jamie, bevor du gehst.", Julianne räusperte sich. Sie sagte ihren Namen entschieden zu oft. "Ich wollte dir danken."
Schwupps, war Jamie wach und nüchtern. "Wofür?"

Julianne bleckte sich die Lippen: "Jamie, ich weiß, wer du bist. Ich weiß, dass du mit den Jungs gewohnt hast und dass Travis sich mal in dich verliebt hatte.", fasste sie das Jahr in Oxford in aller Kürze zusammen und machte Jamie sprachlos. "Mort.", antwortete Julianne auf die ungestellte Frage mit einem Kopfnicken in Richtung Trauzeugen.

"Versteh mich nicht falsch, das ist nicht zynisch, eifersüchtig oder schadenfroh, dass ich den Mann bekommen hab und nicht du. Wobei ", sie kicherte, "Ich bin natürlich sehr froh, dass ich ihn bekommen hab!", sie berührte den schlichten goldenen Ring an ihrem Finger.

"Ich bin dir wirklich, wirklich dankbar .", sie tätschelte Jamies Hand, die noch immer gebannt zuhörte. "Ich danke dir, dass du ihm damals einen Korb gegeben hast, und das sogar immer wieder, Travis kann wirklich stur sein. Auf diese Weise hast du den Weg für mich und mein Glück frei gemacht.", Julianne biss sich auf ihre Unterlippe, sie konnte sichtlich platzen vor Glück. "Ohne dich wäre das alles heute niemals möglich gewesen."

"Da nicht für!", tat Jamie es ab, aber Julianne umarmte sie von Herzen. So hatte Jamie es nie gesehen, durch einen Korb hat sie ein anderes Happy-End herbeigeführt. Irgendwie fühlte sich das richtig an.

Zum Abschied umarmte sie Mort, sagte Linda, dass es schön wäre, sie näher kennen zu lernen, wünschte Travis von Herzen alles Gute und als Julianne an der Reihe war, versprach sie ihr, die Seymours öfter zu besuchen. "Es war mir eine Ehre dich kennen zu lernen, Jamie Aberdeen!", flüsterte Julianne ihr zum Abschied zu.

Und schon saß Jamie auch im Zug nach Hause. Vielleicht waren die Hochzeiten sich untereinander alle ähnlich, aber einige feine Unterschiede gab es dann doch, seien es die unterschiedlichen Schicksale der Paare, die stereotyperweise immer vertreten waren oder die Geschichten der von außen kommenden Gäste, die wie Cinderella den Ball vorzeitig verließen.
23.6.17 23:06


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Auf dem falschen Weg

Das Licht am Anrufbeantworter blinkte mahnend und Jamie drückte den Kopf, während sie sich neben den Anrufbeantworter setzte und ihre schmerzenden Füße stöhnend massierte.

"Jamie, Darling.", Claires Stimme klang etwas gehetzt. "Zu den neuen Seiten- es waren viele Rechtschreibfehler drin, das ist eigentlich ja nicht üblich für dich", mit anderen Worten: lies dir deinen Text gefälligst selbst durch, ehe du ihn mir schickst, "Aber egal, was du gemacht hast, was dich auch immer inspiriert hat: Weiter so!".

Sie krabbelte zum Anrufbeantworter und drückte erneut auf das Lämpchen, um sicherzugehen, dass Claire sie gelobt hatte. "Weiter so!" Tatsächlich, es hatte ihr gefallen. Also sollte sie weiter in der Nacht schreiben.

Das Klingeln ihres Handys weckte sie wie gewöhnlich am nächsten Morgen. "Kannst du gegen zwölf bei der Brasserie sein? L."

Sie streifte sich eine bequeme Jeans und ein T-Shirt über. Ihre Zehen waren noch rosa und wund von den gestrigen Sandalen. Aus ihrem Schuhschrank fielen ihr die schwarzen und unscheinbaren Ballerinas entgegen, die sie sich damals entgegen des Rates ihrer Mutter gekauft hatte. Ob sie die Schuhe daher liebte, sei dahingestellt. Prüfend sah sie sich im Spiegel an.
Die Müdigkeit, welche sich in ihren Knochen ausbreitete, nachdem sie erneut in der Nacht geschrieben hatte, war ihr nicht anzusehen. Zufrieden griff sie nach der Ledertasche, in der von gestern noch ihr Portemonnaie und Ausweis steckte, und die sie aus bloßer Trägheit nicht suchen und in eine bequemere Tasche legen wollte und spazierte hinaus.

Die Brasserie war eine Straße vom Glasgebäude entfernt. Dort gab es die verführerischsten Macarones und Petites-Tartes im Schaufenster, deren Glasur in natürlichen

Orange- und Gelbtönen leuchtete. Es war kam elf Uhr, als Jamie ankam. Was hätte sie auch daheim sitzen sollen? Die Frau hinter dem Tresen war etwa in Jamies Alter, hatte aber mithilfe dicker Brigitte-Bardot-Lidstriche versucht, sich den Anschein einer Französin zu geben. Die Gwen in ihr war dennoch nicht zu übertünchen. Es war zwar klar, dass Jamie eben wie immer einen großen Café au lait - weil sie stolz darauf war die richtige Aussprache dabei zu haben- mit Zimtaroma bestellen würde. Dennoch studierte sie gründlich die Karte.

"Was darf es sein, Miss?", fragte Gwen höflich und Jamie stellte überrascht einen amerikanischen Unterton bei Gwen fest.

"Hmmm...was empfiehlst du denn?", fragte Jamie, den Blick noch auf die Karte gerichtet.

"Tja, wir sind bekannt für unsere süßen Spezialitäten.", mit der Hand führte sie eine elegante Bewegung in Richtung der Auslegware aus. "Außerdem sind unsere Milchkaffees auch sehr beliebt. Ich rate ja zum Frappocino.", beim Lächeln entblößte sie ein Zungenpiercing.

"Hm...", nahm Jamie nachdenklich an.

"Was auch immer die Dame nimmt, ich nehme einen Jasmintee und eine Apfeltarte und bezahle die Wahl der Dame.", sagte eine ungehaltene Männerstimme hinter ihr.

Empört drehte sie sich um und wandte ein: "Danke Sir, aber Sie brauchen mich nicht zu hetzen und meine Entscheidung sogar bezahlen, nur um eher bedient zu werden!", verblüfft starrte der Mittvierziger sie an. Seine dunkelbraunen Haare waren nun meliert und trotz des seriösen Anzugs und der damit einhergehend hohen Position wirkte er recht angespannt. Vermutlich war er Widerspruch nicht gewohnt.

"Ich hätte gern einen Café au lait.", Jamie sprach langsam, jetzt wollte sie sich keinen Aussprachefehler leisten, "mit Zimtaroma. Und ich zahle selbst, danke!"

Gwen gab ihr anerkennend ihren Kaffee und Jamie setzte sich auf einen der Terrassenplätze. Gedankenversunken mischte sie Zucker unter und blinzelte gegen die Sonne an, als ein abrupter Schatten sich auf ihrem Tisch breit machte. "Wenn ich Ihnen schon nicht den Kaffee bezahlen durfte, darf ich Ihnen wenigstens Gesellschaft leisten?", fragte er höflich.

"Ehrlichgesagt warte ich auf jemanden.", das entsprach ja der Wahrheit. Nur dieser Jemand würde eben in mehr als einer Stunde kommen.

"Bis dahin?", fragte der Unbekannte. Er wirkte wie ein geschlagener Hund und schuldbewusst konnte Jamie nicht anders, als ihm den freien Stuhl anzubieten.

"Ich bin Adam.", stellte er sich vor und Jamie hätte sich beinahe verschluckt. Nicht doch, kein Adam! Aber er hatte ein sympathisches Lächeln, kein Adam war doch wie der andere. Der konnte sich als nett herausstellen, daher entschloss Jamie sich nicht ihr Alter-Ego vorzugeben.

"Ich bin Jamie."

Es entwickelte sich ein tatsächlich freundliches Gespräch, darüber, dass Adam einen Mischling besaß, den er über alles liebte und welchen er unglücklicherweise nicht in sein Büro mitnehmen durfte. Darüber, dass Jamie ihre Wohnung zwar liebte, aber sich nichts sehnlicher wünschte, als einen kleinen Garten, um Erdbeeren und Zucchini anzupflanzen. Bis sie zum Punkt des Kennenlernens kamen: "Weshalb haben Sie denn ausgeschlagen, mich für Sie bezahlen zu lassen?".

Neugierig ließ er Jamie nicht aus den Augen und schob sich das letzte bröselige Stück der als köstlich gepriesenen Tarte in den Mund.
"Weil es nicht mein Stil ist, mich erkaufen zu lassen.", stellte sie leichthin fest und das Gefühl, sich dafür zu rechtfertigen, ließ sie nicht los.

Die Anspannung ging nun auf sie über. Obgleich dieser Adam recht nett war, nein, sie würde ihn nicht wiedersehen wollen.

"Das ist doch längst nicht alles.", hakte er lächelnd weiter nach.
"Adam, hören Sie, ich bin Psychologin.", seltsam, als hätte sie diese Unterhaltung bereits geführt.

"Und glauben Sie mir, doch, das ist alles, ich bin recht simpel gestrickt in der Hinsicht.", erklärte Jamie sich und lächelte. Adam erwiderte das Lächeln. Beschämt sah Jamie auf den Boden ihres ausgetrunkenen Milchkaffees. Gott, flirtete sie etwa? Sie würde ihn nicht wiedersehen wollen, das war dann doch falsch, oder? Er war ja ganz nett, umso ungerechter wäre es dann doch, ihm etwas vorzumachen.

"Hören Sie Adam", begann Jamie. Bei solchen Gesprächen hatte sie stets kläglich versagt. Immerhin war er ihr komplett fremd. Egal, wie sehr sie ihn vor den Kopf stieß, sie hatte keine Möglichkeit ihn tatsächlich zu verletzen, dafür hatte er nicht genug investieren können.

"Oh, Sie haben sich also eine psychologisch fundierte Meinung gebildet.", witzelte er.

Gerade, als Jamie aufsah und Adam reinen Wein einschenken wollte, sah sie Luke schnellen Schrittes auf sie zukommen. Etwas stark angespanntes war seinem Gesicht abzulesen und Jamie schürte ihre Augen, um zu erkennen, was er ihr mitteilen wollte. Erstaunt stellte sie aber fest, dass seine Aufmerksamkeit nicht ihr galt, sondern ihrem Tischgegenüber.

"Mein...ähm...Bekannter ist jetzt da.", es war mehr eine Frage, als eine Feststellung. Schnell stand Luke schon am Tisch und Jamie machte einige Schweißtropfen an seinen Schläfen aus. Reflexartig stand sie auf und flüsterte ihm bei der Umarmung zu: "Alles okay?"

In der Kürze der Zeit fiel seine Antwort knapp aus: "Gleich!", vertröstete er sie. Dann wandte er sich Adam zu und streckte ihm die Hand entgegen: "Mr. Mullroy, Guten Tag!"

Mr. Mullroy, von dem Jamie nun wusste, dass er Adam hieß, schüttelte freundlich und leicht konfus die Hand, bis ihm im Gesicht ein Licht aufzugehen schien: "Ach, Mr. Cohan, richtig?"

"Ja, Sir!", erleichtert, dass er erkannt wurde, fuhr er sich durch sein Haar. Da wurde Jamie endlich klar, wem sie eigentlich gegenübersaß und fassungslos starrte sie den erstaunlich jungen, ominösen Chef an.

"Nun, da Sie hier sind, bin ich ja nicht mehr erforderlich.", sagte er enttäuscht mit einem Blick auf Jamie. Immerhin nahm er ihr den Korb vorweg, das ersparte ihr die peinliche Ansprache. Luke nahm sich aber einen Stuhl vom Nebentisch und stellte ihn dazu: "Aber nein. Bleiben Sie doch!"

Kurz überlegte Adam, das Angebot auszuschlagen, dann warf er aber erneut einen Blick auf Jamie und missdeutete ihre aufkommende Anspannung als Aufregung. "Gerne. Dann lade ich Sie aber auf einen Kaffee ein, mein Lieber!"

Kaum war er außer Hörweite, beugte Luke sich vor: "Woher kennst du meinen Boss?"

"ich hab hier auf dich gewartet und wollte mir meinen Kaffee von ihm nicht bezahlen lassen. irgendwie steht dein Boss wohl auf Chuzpe, jedenfalls hat er sich zu mir gesetzt.", fasste Jamie zusammen.

Während Luke nachdachte, blickte er durch das Schaufenster, wo Adam sich brav in die Schlange eingereiht hatte und versuchte abzuschätzen, wie viel Zeit ihnen blieb, ehe er wieder neben ihm am Tisch saß.

"Was hast du jetzt vor?", erkundigte er sich.

"Ich wollte wieder impertinent sein und ihm einen ehrlichen Korb geben.", meinte Jamie gleichgültig. Lukes flache Hand schlug auf dem Tisch auf, sodass das Geschirr Millimeter über dem Tisch schwebte und mit einem Klirren wieder aufkam. Die Gäste an den umstehenden Tischen sahen dabei nicht weniger erschrocken drein als Jamie. Adam rückte in der Schlange weiter vor.

"Weißt du, warum ich dich herbat? Mr. Frings, mein Büronachbar.", der glatzköpfige bebrillte putzige Chemiker, sie nickte. "Er wurde entlassen, Jamie!"

"Oh...", Mr. Frings war geschätzte 75 Jahre alt und in etwa zwei Drittel seines Lebens bei dem Konzern angestellt. Ihn zu entlassen war alles andere als plötzlich, aber gewöhnlich hielt eine Firma doch an einem so langjährigen Mitarbeiter fest.

"Verstehst du, mich muss man nicht mal entlassen, ich habe einen befristeten Vertrag, den muss der liebe Adam da drin nur auslaufen lassen.", Luke stützte seinen Kopf auf den Tisch und Jamie strich ihm einige Strähnen aus der Stirn. "Und ich plane gerade meine Hochzeit, verrat mir doch bitte, wie ich das stemmen soll?"

Adam bestellte gerade. Da richtete Luke sich wieder auf. "Hör mal, ich hätte nicht erwartet, dass du meinem Boss begegnest und gleich per Du mit ihm bist. Ich wollte dich eigentlich fragen, wie ich mich subtil einschleimen kann?"

"Wieso glaubst du, dass ich das weiß?", leicht empört zog sie ihren Mund krumm. Bei seinem frustrierten Ausdruck ruderte sie allerdings schnell zurück. "Okay, sorry, nicht wichtig."

"Jamie, kannst du bitte, ich meine es ernst, Bitte,", sämtliche Zukunftsangst schwebte in diesem einen Wort, "bei ihm ein gutes Wort für mich einlegen."

Adam alberte gerade mit Gwen herum, welche ihm dabei half, den Kaffee und zwei Stück Tarte auf ein Tablett zu bugsieren und ihm dazu noch Zucker- und Zimtstreuer auflud, die wiederum umkippten und wieder aufgestellt wurden. Jamie biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Irgendwie wirkte er gelöst und schließlich war er ihr ja auch sympathisch. Außerdem war es ja für einen guten Zweck.

"Also gut.", ergab sie sich.


2004

Kaum hatte Jamie ihr zwanzigstes Lebensjahr überschritten, sorgte ihre Familie sich ein wenig über die Spätzünderin. Immerhin kümmerte Jamie sich nicht sonderlich darum, bislang keinen Freund gehabt zu haben.

Leider war Jamie die einzige, die sich nicht sonderlich daran stieß. Vielleicht hätte sie ihrer Familie gestehen sollen, dass sie zuvor ab und an mal verknallt gewesen war, vielleicht hätte es sie milde gestimmt. Vielleicht hätte sie auch gestehen sollen, dass sie als 16jährige eine sehr unschuldige Beziehung über ein halbes Jahr mit Adam geführt hatte, den sie bei Lilly damals kennen gelernt hatte und bei dessen Anblick sie damals einfach hin und weg war.

Mein Gott, sie war 16, mit 16 verliebt man sich eben mal in einen jungen, der zur Tür reinkommt und herzlich "Hallo" sagt und sich abends neben der Couch zu Lillys und Jamies Füßen kauert und dort selig einschläft. Ja, manchmal reicht das.

Über das Wochenende war Jamie zu ihren Eltern gefahren. Die eingesessene Couch im Wohnzimmer war das ihr liebste Möbelstück. Ihren Kopf auf die Lehne gebettet las sie gerade die Pflichtliteratur, während ihr Vater zur Gitarre griff und die Saiten probeweise zupfte und unzufrieden die Saiten fester zog, ehe er den ersten Akkord spielte. Das Buch schläferte Jamie regelrecht ein, aufgeklappt legte sie es sich einfach auf den Bauch und schloss genüsslich ihre Augen, indessen sang ihr Vater die Strophe von Eleonor Rigby an. "I look at all the lonely people, where do they all come from? I..."

"Liebling!", Jasmine stürmte ins Zimmer, was ihren Vater kurzerhand aufhören ließ zu spielen, und drückte Paul Aberdeen einen Kuss auf die Stirn und ließ sich auf den Sessel neben Jamie fallen. Mühsam öffnete Jamie ein Auge, wechselte einvernehmlich einen Blick mit ihrem Vater. Aber auch Paul wusste nicht, was seine Frau ausgeheckt hatte und er fuhr mit der Melodie von Itsy-Bitsy-Spider fort.

"Darling, heute hatte ich einen Mittagsbrunch mit einer betuchten Kundin, Mrs. Scott. Und da kamen wir über Gott und die Welt ins Gespräch.

Schließlich kam sie über ihren Sohn Greg ins Schwärmen.", vorfreudig klatschte sie in die Hände und im Hintergrund sang ihr Vater begleitend: "down came the rain and washed the spider out" und Jamie drückte ihre Lippen aufeinander, um die Situationskomik zu missachten.

"Na, jedenfalls", etwas konsterniert warf sie ihrem Gatten einen wenig überzeugenden wütenden Blick zu, "Greg ist 28, er ist erfolgreicher Jurist auf dem Weg zum Partner und hier darauf ist seine EMail-Adresse. Überleg's dir Schatz!", wie von der Tarantel gestochen sprang sie auf und wollte in Richtung des Erkers gehen, wo die Orchideen auf sie warteten.

"Out came the sun and dried up the rain", sang ihr Vater. Jasmine machte kehrt, griff an sein Kinn und sagte halb drohend, halb belustigt: "Ach du!". Damit drückte sie ihm einen Kuss auf und kümmerte sich um ihre Blumen.

"Papa?", Jamie setzte sich im Schneidersitz auf dem Fußboden neben ihm und schaute ihn mit großen fragenden Augen an. Papa hatte sie ihn zuletzt mit 14 genannt, ab dem Zeitpunkt folgte das ihre Mutter erschütternde "Mom und Dad". Paul spielte einen Akkord, legte die Gitarre dann auf seinen Knien ab und schaute ernst hinab. "Was sagst du?"

"Dass ich hoffe, dass deine Mutter die Orchideen nicht versehentlich ertränkt.", sagte er affektiert ernst. Jamie verpasste ihm einen kleinen Haken gegen das Knie.

"Okay, okay!", mit einem Ächzen setzte er sich zu ihr auf den Fußboden, sodass sie auf einer Augenhöhe waren. "Ich denke, dass egal wie hinreißend und fabelhaft", die beiden Worte überspitzte er im Ton ein wenig zu stark und klimperte sogar mit den Wimpern, "Greg auch immer sein mag, es immer deine Entscheidung ist Jamie. Weißt du, du bist nicht mehr mein kleines Mädchen.", sentimental fuhr er ihr über den Kopf, "Du bist erwachsen und ich bin sehr stolz auf dich. Und ich bin auch stolz darauf, dass du mich dabei um Rat fragst.", er tat so, als würde er sich eine unsichtbare Fliege zurechtrücken. "Aber Jamie, weil du erwachsen bist und weil ich dich erzogen habe, vertraue ich darauf, dass du die richtige Entscheidung triffst."

Gerührt lächelte Jamie. "Singen wir nun Itsy bitsy zu Ende?"

"Lieber ein anderes Lied.", schlug Paul vor. Seine erwachsene Tochter legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab und sie sangen nostalgisch Yesterday.

Ihre erwachsene Überlegung war utilistischer Art: vielleicht würde sie sich verlieben, aber andernfalls könnte sie ja wenigstens einen netten Kumpel kennen lernen, und so oder so würde auch ein kostenloses Essen dabei rausspringen. Also, was soll's, okay. So schrieb Jamie eine Weile mit Greg, in der Tat schien er gefestigt in seinem Leben zu sein.

Ein kultivierter junger Mann, der die besten Schulen besucht hatte, sich in der Literaturwelt beeindruckend gut auskannte und ihr von der Freilichtoper in London vorschwärmte, die in lauen Sommerabenden veranstaltet wurden und zu welchen er sie auch mitnehmen könnte. Sie ließ sich gern umgarnen und Greg war irgendwie von der alten Schule, bis er sie nach etlichen Nachrichten zu einem Date überredet hatte.

Stillschweigend ahnte Jamie, dass sie von ihrer Mutter 'beraten' werden würde, wenn diese davon erführe, aus diesem Grund tischte sie ihren Eltern auf, sich mit Lilly zu treffen. Zu ihren Datevorbereitungen gehörte es entsprechend, Lilly als ihr Alibi zu instruieren.

Auch später hatte sie selten ein so krampfiges Date. Nicht mal als sie später ihren Fitnesstrainer traf, der das Date über kein anderes Thema hatte als seine Exfreundin, die ihm das Herz rausgerissen hatte, Ernährung und wie falsch sich Jamie bislang ernährt hatte, und ging dann wieder über zu der Exfreundin. Um sich einen Anschein rebellischer Wildheit zu verleihen, erzählte er ihr, dass er bei seinem besten Freund und dessen Freundin eingeladen war und die Freundin ihrem Freund zuliebe gefragt hat, ob er nicht bei einem Dreier mitmachen wolle. Seine Antwort wäre ein "Neeee...nich so" gewesen, Jamies Reaktion bestand in Ekel und einem hiesigen Fluchtimpuls. Der Abschied bestand darin, dass er ihr brühwarm erzählte, kein Aids zu haben, na Glückwunsch, dachte sie bissig und verabschiedete sich. Nein, mit Greg begann es vielversprechend: kein Ansprechen der Exfreundin oder anderer peinlicher Erlebnisse.

Sie trugen sich Gedichte von Tennyson vor und debattierten die Bedeutung von Milnes Tieren im Hundertmorgenwald. Bis sie dann zum Spaziergang aufbrachen, da erkannte Jamie, dass die empfundene Leichtigkeit in seiner Nähe einer nahezu vollständigen schauspielerischen Leistung seinerseits zu verdanken war. Sie gingen in der Altstadt spazieren und das Gespräch stockte.

Später erklärte Marley es ihr damit, dass seine detaillierten Karteikarten aufgebraucht waren und er damit keine Themen mehr zur Verfügung hatte, um spritzig oder eloquent zu sein. Unangenehm still gingen sie nebeneinander her und er legte seinen Arm um ihre Schulter. Bei jeder anderen Gelegenheit wäre es eine romantische Geste gewesen, ein zarter Annäherungsversuch. Aber sein Arm war eine Stahlpranke, vollends verspannt. Seine Muskeln und soweit es möglich war auch die Gegenmuskeln spannten sich nervös an. Zum Abschied umarmte er sie und rang ihr das Versprechen ab, dass sie sich bald darauf erneut treffen würden. Nicht einmal am nächsten Tag bekam sie einen empörten Anruf ihres Vaters: "Jamie, ich bin sehr enttäuscht von dir!"

Greg hatte in seiner Aufregung seiner Mutter vom Date erzählt, welche es selbstverständlich ihrer Mutter erzählt hatte, die es ohne zu Zögern mit ihrem Ehemann teilte.

"Weshalb hast du es uns nicht erzählt?" Es war keine väterliche Enttäuschung, es war die eines Freundes, der die neueste Entwicklung im Leben einer Freundin über andere erfahren musste. Verärgert über Gregs Verrat versuchte Jamie sich herauszuwinden: "Dad, ich wollte es euch erzählen, ehrlich!", hoffentlich klang es auch aufrichtig, "Nur, erst wenn ich mir sicher sein konnte, und es ernst werden würde. Aber Daddy, das war das erste Treffen, ich wollte mir keinen Druck machen."

"Keinen Druck! Du dachtest, wir würden dich unter Druck setzen?", hakte Paul mit hörbar verstimmter Laune nach. In dem Moment griff ihre Mutter ungeduldig nach dem Hörer: "Ist doch egal, Paul, Also wie war's Jamie?"

"Mom! Es war nur ein Treffen, nicht mehr!", anschließend versprach sie, künftig ehrlicher mit ihnen zu sein.

Wenige Tage danach, stellte sie ihre Ehrlichkeit unter Beweis, als ein Briefumschlag von Greg in ihrem Postfach lag, mit einem USB-Stick darin und eine kitschige rosa Rose. Mein Gott, sie kannten sich seit weniger als einer Woche. Mochte er von welcher alten Schule auch immer stammen, aber das war viel zu verfrüht für solche Aktionen! Überrumpelt betrachtete Jamie die Blume, die im Umschlag etwas flach gedrückt wurde und rief gleich ihren Dad an. "Ich sollte ehrlich sein?"

"Ich bitte darum!"

"Greg hat mir einen Brief mit einem USB-Stick voll mit Musik geschickt und einer Rose darin.", erzählte Jamie es ihm.

Paul räusperte sich: "Jamie?"

"Ja, Dad?"

"In Zukunft, sei ehrlich zu mir, aber diese kitschigen Details lass bitte aus, versprochen?"
20.6.17 20:32


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