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Fortsetzung: Zerbrechendes Wunschglas

2005

Als Jamie 9 Jahre alt war, bekam sie ein ganz besonderes Geschenk von ihrer Tante Carmen bekommen. Carmen pflanzte in ihrem Garten Beeren und Rosen an, sodass sie für die neunjährige Jamie Rosenmarmelade herstellte. Das Einmachglas beklebte Carmen dann mit einer Figur eines weißen Hasen, der Jamie an 'Alice im Wunderland' erinnern sollte und mit dunkelblauen Nagellack hatte Tante Carmen das Glas mit einem Wort versehen: Wunschglas.

Das Wunschglas hatte Jamie innerhalb kürzester Zeit geleert, sodass ihre Tante es schnell wieder aufzufüllen verpflichtet war. Das Glas hatte Jamie abgewaschen und auf ihr Fensterbrett gestellt, hinter den blickdichten Vorhang, sodass es vor ihrer
Mutter verborgen blieb und zunächst vergessen wurde. Bis ihre Tante Carmen sie erneut besuchte, ihr diesmal eine Rose aus ihrem Garten in einen Topf umgepflanzt hatte und sie auf das Fenster stellen wollte.
Dort stand noch immer das von ihr umgestaltete Einmachglas mit dem weißen Hasen und ihrer Schrift. Gerührt nahm sie es in die Hand und machte Jamie einen Vorschlag: "Lass es uns doch wirklich zu deinem Wunschglas erklären. Immer wenn du einen Wunsch hast, schreibst du ihn auf einen kleinen Zettel und stopfst ihn hier ein."

Die kleine Jamie war vollauf begeistert und tat wie geheißen. Wünsche wie Weltfrieden hatten sich nicht erfüllt, andere wie 'Ich will das Examen bestehen.' wieder doch. Wie man sich denken kann, hatte die Rose nicht lange überlebt, aber das Wunschglas stand noch mehr als zehn Jahre später auf ihrem Fensterbrett in ihrer geliebten kleinen Wohnung in Heavensrain. Jamie hielt noch den Telefonhörer in der Hand, am anderen Ende der Leitung hatte man längst aufgelegt.

In dem Moment fühlte Jamie alles in ihrer Umwelt mit einer Wucht auf sie einfallen. Sie fühlte ihre rissigen Lippen, den kalten Wind, der durch das offene Fenster über ihre nackte Haut am Arm fuhr, die Gänsehaut, die dadurch entstand, nahezu jedes einzelne Haar sich senkrecht aufstellen. Jamie fühlte die verirrten Haare, die sich aus dem locker gebundenen Pferdeschwanz gelöst hatten und nun in ihre Augen stachen und sie hörte neben den zirpenden Grillen dröhnend das Geräusch des aufgelegten Hörers.

Sie fühlte den Klotz im Hals, fühlte die Hitze der Tränen. Und es ging nicht weg. Sie wollte sich fokussieren, sah wieder auf den Ordner in ihrem Schoß und blätterte mechanisch Seite für Seite um, ohne auch nur etwas davon zu behalten. Als sie merkte, dass sie nun zehn Seiten weiter war, griff sie verzweifelt nach dem Hörer. In einem Automatismus wählte sie eine Nummer und hörte die vertraut Stimme, die sie erden sollte.

"Hey Jamie!", grüßte Adam fröhlich. Er war erst seit einem halben Jahr in derselben Stadt wie sie und erst seitdem hatten sie wieder regelmäßig Kontakt.

"Hallo.", Jamie bemühte sich ehrlich um Fassung, aber wie es schien, musste sie aufgelöster geklungen haben, als sie es wahrnahm.

"Was ist passiert?", fragte Adam schon misstrauisch.

"Er hat eine Freundin.", stammelte sie.

"Wer?", fragte er verwirrt.

"Miles"

"Ich komme vorbei.", sagte er sofort und sie konnte hören, wie er nach seinen Schlüsseln suchte und die Tür aufmachte, ehe er sich verabschieden wollte. Das brachte sie wieder zu Bewusstsein:

"Nein, hey, das ist nicht nötig, ich kriege das schon hin.", winkte sie ab.

"Bist du sicher?", fragte Adam besorgt. Am liebsten hätte Jamie nein gesagt, hätte ihm die halbe Stunde Fahrt zu ihr zugemutet, um sich in den Arm nehmen zu lassen. Aber er hatte diese Hausarbeit am Hals und er hatte ein eigenes Leben. "Ja.", sagte sie fest , sie lächelte, dankbar dafür, dass er kompromisslos zu kommen bereit war.

Stattdessen schimpften sie gemeinsam Miles aus und er sagte ihr, was für ein Idiot Miles sei, sie nicht zu wollen, stattdessen aber Christina ihr vorzuziehen.

"Mal ehrlich, würdest du mich wollen?", fragte sie ihn scherzhaft um wiegte nachdrücklich den Kopf zur Seite, was er nicht sehen konnte, was diese Geste unheimlich sinnlos machte.

"Nein, das darf ich doch nicht, irgendwann musste ich mir bei dir die Genfer Konvention auferlegen. Ich darf dich also nicht wollen."

"Die Genfer Konvention?", wiederholte Jamie.

"Njaa...", druckste er herum, "Du musst für mich neutral sein, wie die Schweiz."

Sie lachte. "Adam, aber ehrlich würdest du?"

"Schweiz, Jamie! Das ist ein Nicht-Angriffsabkommen.", witzelte er.

"Bitte Adam, mal angenommen, es gäbe das 'Abkommen'", die Gänsefüßchen malte sie in die Luft, was Adam ebenfalls nicht hatte sehen können, sodass auch das wieder recht überflüssig war.

"Würdest du?"

"Jamie..", Adam räusperte sich und Jamie merkte, dass ihm das Thema durchaus unangenehm war, "Das habe ich doch schon.

Insofern kannst du davon ausgehen, dass du alles andere als hässlich bist, bitte frag nicht weiter, in Ordnung?", sie sah regelrecht vor sich, wie viele Schweißperlen auf seinem Gesicht standen.

Dennoch konnte sie es nicht unterlassen: "Noch eine letzte Frage", fing sie erneut an und als Antwort kam ihr nur ein "Oh, Gott!", entgegen.

"War ich gut?", erkundigte sie sich nervös.

"Ähmm...was?", warf er harsch zurück.

"Ach komm, ich erinner mich nicht mehr an meinen ersten Kuss und hatte nicht wirklich Feedback. War . Ich. Gut?", die letzten drei Wörter betonte sie einzeln. Tatsache war, dass es ihr wirklich wichtig war, es zu wissen, schließlich hatte sie bislang keine Erfahrung und entsprechend keine Vergleichsmöglichkeiten. Zumindest keine, an welche sie sich erinnern konnte.

"Wieso reicht es dir nicht zu wissen, dass du schön bist?", fragte er genervt zurück und seufzte. "Es war besser, als ich gedacht habe.", antwortete er so diplomatisch wie möglich.

"So schlimm?", fragte Jamie entsetzt.

"Nein, nein Jamie.", er kicherte, "So gut."

Kurz darauf unterhielten sie sich über Dessous und wieder bat Adam darum, dass sie nicht weiter reden sollte, dennoch malte sie ihm ein sehr anschauliches Bild und versprach ihm schließlich, dass Adam sie dabei nie begleiten müsse.

Damals, nach dem Telefonat, hatte Jamie ihr Fenster geschlossen, die Heizung dafür auf eine viel zu hohe Stufe gestellt, weil sie in der Nacht nun wieder zu frieren begann und im grauen Nieselregen ging sie shoppen. Durch die aufziehende Kälte draußen, welche sich mit kleinen Eiskristallen kenntlich machte und der Hitze in der Wohnung, bildete sich ein unscheinbarer, noch unsichtbarer Riss im Wunschglas, das Jamie bis zum Rand hin gefüllt hatte.


2014

Jahre später stand das Wunschglas wieder auf ihrer Fensterbank. Nach dem Aufenthalt in den USA hatte Jamie es geleert und mit neuen Wünschen zu füllen angefangen. Es waren erwachsenere Wünsche und sie waren realistischer, bescheidener, aber vor allem seltener, sodass auf dem Boden sich nicht allzu viele Zettel tummelten. Im Verlauf der Zeit, so wie es bei solchen Schäden ist, nahm der Sprung zu, noch immer unsichtbar vor ihren Augen. Im Grunde eine kleine Zeitbombe auf ihrer Fensterbank neben der dauernd umfallenden Amaryllis, der Jamie zwischenzeitlich Lebensmüdigkeit unterstellt hatte.

Als sie mit Adam in ihre Wohnung torkelte, brach der Vollmond sich in diesem Glas und hätte sie hingesehen, hätte sie einen kurzen, zauberhaften Moment glauben können, im Glas den Mond gefangen zu haben. Stattdessen war Jamie damit vereinnahmt, Adam bis zur Couch zu bugsieren. Es war eine helle Nacht, sie konnte leicht seine Umrisse ausmachen.

"Was machst du hier?", der Vorwurf war deutlich zu hören.

"Sitzen?", antwortete er spitzfindig.

"Adam, du hast auf der Fußmatte geschlafen, was willst du hier?", fragte Jamie erneut.

Müde rieb er sich die Augen und wirkte dabei total hilflos: "Ich weiß auch nicht. Nein, keine Ahnung, ich,...", er stand wankend auf, "Ich gehe besser.", er setzte keine zwei Schritte voreinander und machte tatsächlich Anstalten zu gehen. Kurzerhand packte Jamie ihn bei den Schultern und schob ihn einfach zur Couch zurück. Adam ließ sich wunderbar einfach führen.

"Nicht in dem Zustand!", mahnte sie ihn. Sie holte eine Flasche Wasser aus der Küche und warf ihm die Tagesdecke hin. "Die trinkst du leer!", forderte sie ihn auf und legte sie neben ihn auf das Sofa.

"Und morgen reden wir.", sie sah zornig auf ihn hinab. "Nacht!"

"Neinnnn.", lallte er, "Bitte, Jamie, geh noch nicht.", er hielt sie am Handgelenk fest. Sogar überraschend fest.

"Lass mich los.", sie versuchte sich fortzureißen, aber hartnäckig hielt Adam ihr Handgelenk umfasst.

Erschöpft setzte sie sich also neben ihn. "Wieso bist du hier?", fragte sie nun sanfter.

"Ich weiß es nicht.", erwiderte er nun und klang dabei wesentlich klarer. Er griff ihren Träger und zog sie an sich heran.

"Adam, wieso bist du hier?", fragte sie erneut, ihn noch abwehrend und aufrechtsitzend.

Die gleiche Antwort, die eher nach einer Frage klang: "Ich weiß nicht?"

"Bitte Adam.", bat Jamie eindringlich, "wieso bist du hier?"
Mühsam setzte er sich auf, zog sie an sich und sie schmeckte eine fatale Mischung aus Laphroaig, Cherry Beer und Cola. Während des Kusses hatte sie die Augen die ganze Zeit offen und biss Adam schließlich in die Unterlippe, bis er von ihr abließ. Die Augen noch immer geschlossen, flüsterte er wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht durstig: "Deshalb."

Dann küsste er ihren Hals ausgiebig, noch war aber ihre Vernunft eingeschaltet.

"Adam, bitte hör auf.", murmelte sie. Zugegeben klang es nicht sonderlich überzeugend, eher genießend. Daher ließ Adam sich nicht besonders stören und erneut ließ er sie die Mischung schmecken, welche er zu sich genommen hatte. "Adam, ich will nicht einfach eine Besoffenenvögelei sein!", sie stand schließlich auf.

Adam blieb noch auf dem Sofa sitzen. "Das warst du nie, Jamie.", versicherte er ihr erstaunlich nüchtern. Flehentlich hoffte sie, dass er in der Dunkelheit ihre Zweifel an ihrem Vorhaben nicht sehen konnte. Die Unsicherheit, die ein Hund hätte fühlen können, als sie in Richtung ihres Schlafzimmers ging. Das hätte das Ende sein sollen.

So ist es aber manchmal mit dem Konjunktiv- er stellt die eigentlich besseren Optionen vor im vollen Bewusstsein darüber, dass diese niemals die Chance haben werden, an Stelle des Ereignisses zu treten, für das sie verwendet werden.
Aber folgendes geschah wirklich: Unverständlich, oder genau genommen verstand sie recht gut, dass sie so handelte, aber sie wollte es lieber leugnen, drehte sie sich im Türrahmen rum und sah seine Konturen auf dem Rand der Couch sitzen. Ihre Gründe waren schlicht und animalisch und aus diesem Grund bedurfte es drei, vier große Schritte, bis sie ihn mit ihrem Schwung nach hinten riss und küsste.
Sie rollten von dem Sofa und kicherten, als sie aufgeprallt waren, küssten sich weiter. Auch hier hätte es noch enden können, aber unglücklicherweise tat es das nicht. Jamie zupfte an seinem Shirt rum, das er sich über den Kopf zog, Adam küsste sie weiter, schob die Träger von ihren Schultern und flüsterte ihr ins Ohr: "Ich will dich."

Jamie zog ihn an sich und flüsterte zurück: "Ich weiß."

In dem Moment war alles irgendwie ulkig, ein Spaß. Es war leidenschaftlich und schön, nur so wie immer kam das Erwachen. Nicht einmal wenige Stunden danach kitzelten die ersten Sonnenstrahlen ihre Nase und mit einem Lächeln sah sie ihn neben sich. Schlummernd und nackt schlief Adam neben ihr. Nackt. Dieser eine kurze Moment, in dem sie gelächelt hatte, verging jäh. Hastig sog sie Luft ein und verrenkte ihren Kopf, um den BH hinter sich zu finden.

"Nein...nein, nein, nein, nein...NEIN", dachte sie flehentlich und blickte erneut auf den nackten Mann auf ihrem Fußboden. "Doch.", resignierte sie gedanklich. In ihrem Schlafzimmer zog sie sich nur schnell ihre Jeans und ein T-Shirt über und holte leise einen Notizblock aus ihrem Nachttischchen. Sie kritzelte schnell etwas auf das linierte Papier und legte es neben Adam. Dann holte sie sich leider die Notfallration Zigaretten aus der Kommode im Wohnzimmer und schlich sich raus. Mit zittriger Hand machte Jamie sich fluchend draußen eine Zigarette an, vielmehr versuchte sie es vergeblich.
Die erste fiel ihr aus der Hand, die zweite hatte sie so fest in der Hand, dass sie in der Mitte durchbrach, bei der dritten klappte es endlich. Sie sog das Nikotin genüsslich ein.
Sobald Adam allein in ihrer Wohnung aufwachen würde, würde er neben seinem Kopf einen Zettel mit Jamies Schrift vorfinden: "Wenn ich wieder da bin, bist du weg"
Manchmal bekommt ein Glas durch starke Temperaturunterschiede, denen es ausgesetzt wird einen Sprung, der so fein ist, dass es für das menschliche Auge unsichtbar ist.

Dann breitet sich der Riss allmählich bedrohlich aus. Schließlich braucht es nicht mehr viel. Sei es eine sachte Berührung, sei es auch nur eine Feder, die auf dem Glas landet, sodass es dem Riss endlich nachgibt und in tausende glitzernde Diamantsplitter zerspringt.

Jamies Wunschglas hatte vor neun Jahren seinen Sprung erhalten, als sie mit Adam telefoniert hatte. Der Riss hatte sich über neun Jahre im Glas verteilt und an diesem herrlichen Sommertag, war es nicht zersprungen. Allerdings war Jamie so, als würde sie die Scherben auf dem Weg zu Luke unter ihren Füßen stechen fühlen.
7.7.17 20:14


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Zerbrechendes Wunschglas

Im Zug lehnte Jamie sich gegen das Fenster, das das hell erleuchtete Oxford hinter ihr ließ. Müde schloss sie ihre Augen und ließ den Abend Revue passieren. Ihre ehemaligen Nerd-Mitbewohner waren glückliche, gestandene Männer geworden.

Dennoch war Jamie fest davon überzeugt, dass der liebenswerte Computerfreak von damals in Mort noch immer enthalten war und er in seinem Schrank unter Garantie noch das alte, verwaschene Star-Wars-T-Shirt liegen würde, das er manchmal mit der Erlaubnis seiner Freundin überstreifte. Leider wäre es unangemessen, das Versprechen Linda kennenzulernen, einzulösen, um während des Treffens in das Schlafzimmer zu schleichen und nach dem Shirt zu suchen, nur um eine Wette mit sich selbst zu gewinnen.

Allerdings hatte sie die Neugier gepackt. Die Einrichtung der Seymours würde vermutlich Juliannes Handschrift tragen. Seltsam- die Seymours, es klang wie eine 80er Jahre Soap. Aber Travis war nun gereift und somit wäre es auch seine Handschrift.
Versunken in Einrichtungsfantasien merkte Jamie nicht, wie die letzten Lichter der größeren Städte in Dunkelheit getaucht wurden, bis der Zug nahezu lautlos durch die Nacht fuhr. Unbequem schlug ihr Kopf rhythmisch gegen die Scheibe, aber sie störte sich in ihrem Schlaf nicht sonderlich daran.

Ebenso bemerkte sie nicht, wie vereinzelt der umliegenden Städte aufleuchteten, bis sie schließlich Heavensrain erreichten. Dabei verpasste Jamie den letzten Ausblick, ein Meer aus Lichtern, als würde sie um einen geschmückten Tannenbaum fahren im Sommer. Ein Betrunkener, von dem beißender Vodkageruch ausging, rüttelte unsanft an ihrer Schulter.

"Lady, wir sin' dwaaa...", säuselte er und stapfte davon, ehe Jamie es mit der Angst bekommen konnte.

Heavensrain war seit mehr als zehn Jahren die Stadt, in der sie
lebte, mit kleineren Pausen zwischendrin. Jamie kannte nun sämtliche Ecken und Eigenarten der Stadt, war jede Straße und Gasse abgegangen, entdeckte einfach keine Neuerung mehr. Heavensrain begann sie zu langweilen, obwohl sie sich vor 3 Jahren dafür entschieden hatte, hier zu leben. Nachts hatte diese Stadt aber ein gänzlich anderes Gesicht. Es war verschlafen und wirkte irgendwie heilig, nicht anrührbar. Es war schon drei Uhr morgens, als Jamie an dösenden Taxifahrern vorbeiging. Dereinst, vor vielen, vielen Jahren, als Luke Jamie besucht hatte und sie gemeinsam gegen 1 Uhr nachts an lallenden Betrunkenen auf der Partymeile vorbeigingen, fragte Luke sie besorgt, ob sie öfter nachts allein unterwegs war. Daraufhin hatte sie ihm versprochen, bei solcherlei Alleingängen zumindest ein Taxi zu nehmen. Aber die Nacht war so schön und roch nach, wonach eigentlich?

Es war kalter Seewind, der um ihre Schultern strich und ihre Haare durcheinander brachte. Obgleich sie nun fror oder nicht, beim Blick auf die erleuchtete Hauptstraße, die sich golden vor ihr ausbreitete, entschied sie sich dagegen, einen der Zeitung lesenden oder schlafenden Fahrer zu behelligen.
In wenigen Stunden würde sie Luke sehen und ihm die Botschaft des Vertrages überbringen, ihm versichern, dass er ihn sich verdient hatte und sie damit nichts zu tun hatte. Dabei würde sie ihm verschweigen, dass sie einen kleinen Nachtspaziergang genommen hatte.


2012

Die Wohnung in Heavensrain war nun nahezu vollständig eingerichtet. Die Kisten, an denen Jamie sich andauernd den Zeh stieß, waren nun endlich ausgeräumt, sodass zumindest alle angesammelten Teller, Tassen und Gläser ihren Platz gefunden haben. Jamie hatte das Licht im Wohnzimmer gedimmt und im Hintergrund lief Radio. In den letzten Pappbechern, die Jamie von ihrer Abschiedsfeier in Oxford hatte, goss Jamie stilecht Dornfelder und Rum ein und stieß mit ihren beiden besten Freunden an.

"Auf Heavensrain!", prostete Jamie den beiden zu.

"Auf uns.", pflichtete Luke bei.

"Darauf, dass wir nie wieder so jung zusammen kommen.", hob Marley ihr Glas an und Luke und Jamie wechselten einen kurzen Blick, ehe Marley in schallendes Gelächter ausbrach. "Na es stimmt doch, so jung werden wir nie wieder zusammenkommen. In dieser Sekunde, in der ich das gerade ausspreche, sind wir schon älter, als ich den Toast gesprochen habe.", kicherte sie und nahm einen Schluck Dornfelder.

Selig lehnte sich Jamie zurück und betrachtete Luke und Marley in dem angenehmen Chaos. Auf dem Sofa stapelten sich drei Decken, für welche Jamie noch keinen Platz gefunden hatte und mit einem unkoordinierten Sprung, bei welchem sie fast, aber nur fast umgeknickt war, nahm sie sich die Sofakissen und die Gardinenstangen, die noch nicht angebracht waren und hantierte damit herum.

"Hast du 'ne Ahnung, was sie da macht?", flüsterte Marley unüberhörbar Luke zu, welcher als Antwort nur seinen Rum leerte.

"Ihr könnt mir gerne helfen.", rief Jamie den anderen beiden zu. Widerwillig standen sie auf. "Was bauen wir denn?", er faltete die Hände zusammen und knackte mit den Knöcheln.

"Sieht man das nicht? Ein Fort!", kicherte Jamie. Manchmal bestand eine Freundschaft genau darin: dem anderen zu helfen, bei einer vollständig sinnfreien Aktion wie der, ein Fort aus Decken, Kissen und Gardinenstangen zu bauen, welches provisorisch mit den Resten Paketband geschnürt wurde und recht wackelig über ihnen aussah, als sie sich zu dritt darunter legten.

Jamie griff nach der Weinflasche und genehmigte sich einen Schluck. "Wann habt ihr das letzte Mal so einen Unsinn gemacht?", fragte Marley neugierig und gähnte gegen ihre Willkommensfreude an.

Mit den Fingern zwirbelte Jamie an ihrem Kinn und legte die grüne Flasche in ihrem Schneidersitz ab, Marley rollte sich auf den Bauch und stütze sich auf ihren Unterarmen ab. Müde legte Jamie ihr die Flasche vor die Arme, ließ sich nach hinten fallen und murmelte:

"Keine Ahnung!"

"2008", antwortete Luke nach einer Weile, er hatte sich komfortabel gegen eine Sofakissenwand gebettet.

Die Arme hinter den Kopf verschränkend suchte Jamie im Nebel nach der Erinnerung dessen, was er im Sinn hatte. Es kam ihr durchaus länger vor, und ja es konnte angehen, dass es nun 4 Jahre zurück liegt. "Hmm?", murmelte Jamie ihm entgegen.

Beantwortend tätschelte er flapsig ihren Kopf: "Nach deinem legendären Freddie vs. Jason Abend!"

Und nun saß Jamie wieder aufrecht:"Du erinnerst du dich daran?"
Mit einem breiten Grinsen beugte er sich vor: "Wer würde das vergessen können?"

Aber er hatte recht, es war 2008. Mit Interesse hatte Marley den kurzen Schlagabtausch verfolgt, bis sie endlich zu fragen wagte: "Und was war nun 2008?"

Errötend erzählte Jamie, dass sie Luke damals nach dem Abschluss in Heavensrain über ein Wochenende besucht hatte mit einer ungeöffneten Vodkaflasche im Gepäck.

"Nein, nein, nein, nein, nein! Versteh mich nicht falsch.", korrigierte Jamie den eindeutig zweideutigen Ausdruck in Marleys Gesicht.

"Wir waren bloß bei...bei...", sie schnipste mit dem Finger und hilfesuchend sah sie wieder zu Luke, "Wie hieß er noch gleich?"

"Ryan", warf Luke ein und kurz schien Jamie es so, als würde sein Grinsen immer breiter werden.

"Willst du es erzählen?", bat Jamie ihn, aber Luke gab lieber ihr den Vortritt.

"Gut, der liebe Ryan", dabei sah sie sich versichernd zu Luke zurück, "Hatte eine größere Studentenbude. Also waren wir da Kartenspielen mit einer Menge Alkohol. Und dummerweise hatte ich eine Weile Abstinenz, daher wurde mir ziemlich schnell ziemlich schlecht.", untermalend lachte Luke nun in sich hinein, "na jedenfalls bin ich dann immer wieder raus gegangen, weil ich dachte, ich müsste mich übergeben.
Ryan, der zuvor noch mit mir gefüßelt hatte, kam mit raus, umarmte mich und flüsterte mir zu, dass er mich verführen wollte und ich konnte nichts anderes sagen als 'mmm'kay'", sie stoppte die Erzählung und sah Ryan noch vor sich in seinen Hipster-Understatement Jogging-Hosen.

"Und dann?", hibbelte Marley.

"Naja, Luke und ich sind wieder zum Ausnüchtern zu Luke spaziert. Und der liebe Luke hatte damals meine Jacke nicht mitgenommen. Erinnerst du dich an die Woche, in der ich diese herrlich rauchige Scotch-Stimme hatte? Das hab ich alles dem Abend zu verdanken gehabt.", sie stupste Luke dabei an und sich wehrend hob er beide Hände in die Luft: "ich wollte dich , galant wie ich bin, nur vom Ort der Blamage bringen."

"Naja, jedenfalls, am Tag darauf waren wir wieder da und ich war so weit ausgenüchtert, dass ich nicht mehr trinken konnte, aber imstande war klar zu denken. Und der Kerl machte sich immer wieder an mich ran. Er packte mich bei den Schultern, drückte mich an die Wand und starrte mich nur an.", erinnerte sie sich,

"Und ich hab ihn ausgelacht.", lachte sie nun erneut, diesmal schuldbewusst. Als sie sich fing, fuhr Jamie fort: "Naja, er sah leicht beleidigt zu Luke und hat erbost gefragt", dabei blies Jamie sich gespielt auf, "weshalb ich ihn auslache."

"Was hast du geantwortet?", Marley wandte sich Luke zu.

"Denkst du, ich erinner mich dran, es ist sechs Jahre her!", erwiderte er, der selbst der Geschichte gespannt zuhörte.

"Er sagte: 'Weil du es nicht zu Ende bringst, Junge'" , antwortete Jamie für ihn, streckte ihre Beine aus und wackelte mit ihren Zehen.

"Ja, das klingt nach mir.", bestätigte Luke belustigt.

"Irgendwie ließ er sich aber nicht davon abbringen.", erzählte Jamie weiter. "Im Club tanzte er mich an, legte dauernd den Arm um mich und versicherte, bei ihm würde ich alle anderen vergessen. Und nach all den Neins sagte er mir auf den Kopf zu, dass ich mir Luke aus dem Kopf schlagen soll, weil er ja glücklich mit Emily ist.", im Nachhinein klang die Geschichte sogar noch witziger, als zu dem Zeitpunkt als alles passiert war.

"Wie kam er drauf?", Marley war nun wach.

"Ich hab ihm eventuell im Ansatz die Geschichte von Adam erzählt, als ich besoffen am Tag vorher bei ihm war. Alle anderen waren draußen rauchen und ich bin mit ihm in seinem Zimmer geblieben und hab seine Hand genommen, als er mir erzählte, dass sein Herz gebrochen wurde. Er hat mir leid getan!", sie verzog ihren Mund.

"Ich hab ihm dann Adams Namen genannt und ihn stehen lassen.
Das hab ich dann auf dem Nachhauseweg Luke erzählt.", grinste Jamie nun, "Und als ich dir auch erzählt hab, dass ich Ryan damals verbessert habe, warst du gespielt beleidigt, dass du im Vergleich zu Adam nicht verliebenswert warst und dann hast du betrunken gelacht."

Nickend sagte er: "Japp, klingt nach mir."

Marley ließ sich nun kichernd auf den Boden fallen.

"Aber irgendwie bleibt es mir ein Rätsel, dass Ryan so viele Neins kassiert hatte.", fragend sah sie Luke an.

"Könnte daran liegen, dass Ryan auf dich abfuhr, aber auch daran, dass ich ihm die Erlaubnis gegeben hab.", erwiderte er.

Nach sechs Jahren war es eine neue Sichtweise, die sich auftat:

"Du hast ihm ERLAUBT mich abzuschleppen?"

"Was ist schon dabei?"

"Das klingt so, als wäre ich verscherbelt worden wie eine Ware.", ein seltsames Gefühl breitete sich aus.

"Jamie, Mäuschen, du bist erwachsen. Er hat mich gefragt und ich hab ihm genau das gesagt: Wenn sie Ja sagt, meinetwegen.", erzählte er langsam.

"Er hat dich um Erlaubnis gefragt...", murmelte Jamie.

"Und ich hab die Entscheidung letztlich dir überlassen.", meinte Luke. "Und außerdem, wäre es nicht etwa schlimmer, wenn ich es verboten hätte?"

Nach einer Weile krabbelte Jamie zu ihm und legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab: "Hmm...es wäre besser, wenn er gar nicht erst gefragt hätte."

Unter dem gedimmten Licht ihrer Wohnzimmerleuchte und im sinnlos gebauten Fort revidierte Jamie ihren Gedanken- manchmal war genau das Freundschaft: das Vertrauen in den anderen, dass er imstande war die richtigen Entscheidungen zu treffen, sei es auch unter einem sinnfrei gebauten Fort aus Gardinenstangen, Decken und Kissen, welches womöglich in irgendeiner Art doch einen Sinn erfüllte.


2014

Jamie suchte ewig lang nach dem Schlüssel zur Eingangstür. Die Nachbarn im Erdgeschoss hätten davon auch wach werden können. Immerhin entschied sie sich dagegen, das Flurlicht einzuschalten. Das war vermutlich die falsche Entscheidung, bei Licht wäre Jamie bei weitem nicht so oft gestolpert, auf einer Treppenstufe fast abgeknickt oder sich das Knie am Geländer aufgeschrammt. Dabei wohnte sie nicht einmal weit oben.

Weshalb sie es nicht eingeschaltet hatte, war wohl eine Art restalkoholischer Irrglaube, das Flurlicht könnte wie Gammastrahlen die Holztüren durchdringen und ihre Nachbarn würden jäh aus ihrem Schlummer geweckt werden, erbost in den Flur rennen und sie zur Sau machen. Im zweiten Geschoss blieb sie stehen und zupfte an der Palme, die Blätter fühlten sich sehr dünn und verholzt an. Sobald sie wach genug wäre, würde sie sie gießen.

Schließlich kamen ihr im Gang die weiße Tür in Sichtweite, demgegenüber eine blaue, im Halbdunkeln lediglich dunkle Tür in Aussicht und eine Gestalt, die sich wie ein Wachhund vor der Tür zusammen gekauert hatte und schlief. Zerberus, der Hund aus der griechischen Mythologie, hatte drei Köpfe und Jamie stellte ihn sich feuerspeiend vor, allerdings erleuchtete nichts vor der Gestalt.

Stalker hatte sie keine und auch niemand, vor dem sie Angst hatte oder der ihr gefährlich werden könnte. Vorsichtshalber zog Jamie dennoch ihre Schuhe aus und schlich sich auf Zehenspitzen zur Gestalt, die zumindest noch Lebenszeichen von sich gab, weil ihr Rücken sich beim Atmen leicht bewegte. Inständig setzte Jamie alle Hoffnung darauf, nun nicht zu stolpern oder irgendwas quietschendes unter ihren Füßen zu finden. Ihr Mund wurde trocken und sie schluckte gegen ihr pochendes Herz an.

Sollte dieser Jemand doch ein Psychopath sein, würde sie den Hausflur zusammenschreien.

Das Zusammenschreien wäre ihr leichter gefallen, als der gänzliche Verlust ihrer Stimme beim Anblick eines selig schlafenden Adams. Sie hatte ihn einige Male so betrunken erlebt, daher wusste Jamie, dass es kein Problem darstellen würde, einfach über ihn hinweg in ihre Wohnung zu steigen und ihn weiterhin auf ihrer Fußmatte schlafen zu lassen. Unsicher beugte sie sich über ihn, im Schlaf wirkte jeder so herrlich unverfälscht, unschuldig.
'Ach Herr Gott, Jamie!', instruierte sie sich selbst und verpasste sich einen gedanklichen Arschtritt, ' Auch wenn du nun nichts mehr mit ihm zu tun hast, er hat einen Großteil deines Lebens ausgemacht. Und das hat niemand verdient!'

Wieder einmal verfluchte sie ihr anerzogenes Gewissen, strich ihm fürsorglich einige verklebte Strähnen aus dem Gesicht und sanft fasste sie ihn bei der Schulter: "Wach auf, Sonnenschein!", trällerte Jamie.

"Hmpff...grmmmm...", kam seine Antwort. Er hatte es sich selbst ausgesucht, sie hatte ihre Pflicht getan und könnte ihn nun liegen lassen. Trotzdem stand sie weiterhin gebeugt über ihn und versuchte es erneut: "Sonnenschein....Aufstehen!", diesmal flötete sie es direkt in sein Ohr. Er schlug versonnen die Augen auf:

"Wetterwölkchen?", murmelte er.

Überrascht blinzelte sie ihm entgegen, so hatte er sie seit Jahren nicht mehr genannt. Etwas vom alten Adam steckte also noch in ihm. Jamie streckte ihm die Hand entgegen und half ihm auf die Beine.
2.7.17 21:20


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