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Vorsätze brechen ist nicht schwer, sie zu halten...

Die Amaryllis lag wieder mal auf dem Boden mit um sich verteilten Erdbröckchen. Pochender Kopfschmerz kündigte sich außerdem wieder an, als Jamie ihre Wohnung betrat. Gewöhnlich hatte sie ein wirklich gutes Gedächtnis. Immer, wenn sie jemandem begegnet war, konnte sie ihm seinen Namen, aber zumindest doch die Situation zuordnen, in der sie sich unterhalten hatten. Aber dieser Fremde, der ihr offenbar gar nicht so fremd war. Sein Bild schwebte ihr noch sehr klar im Kopf herum und sie fühlte, wie sie mit einer Schaufel ihr Hirn regelrecht nach dieser einen Situation durchgrub. Woher kenne ich dich nur?

Sie pflanzte die Amaryllis in den Topf und entschloss sich, die Blume morgen endlich zum Blumenhändler zu geben, damit er sie endlich in ein größeres Gefäß umtopfen konnte und sie mit einer Konstruktion irgendwie in der Erde halten könnte. Mehr erwartete Jamie sich ja auch nicht.

Schließlich setzte sie sich an den Computer. Nachdem Maggie Marks ihre Arbeitsstelle verloren hatte, einen Flyer bei sich gefunden hatte, hatte Jamie auch kaum mehr Muße gehabt der Geschichte eine Wendung zu geben. Sie schloss die Augen und versetzte sich tief in ihre Protagonistin hinein.

Der Kopfschmerz wurde stärker, aber Jamie gab sich redlich Mühe, ihn zu ignorieren. Sie öffnete die Augen zäh wieder und sah sich auf der Couch sitzen, an ihren Fingernägeln knibbeln. Wäre es die richtige Entscheidung. Einfach wegzugehen? Mit zittriger Hand sah sie sich das Telefon nehmen und die Nummer auf dem Flyer wählen.

"Hallo?", fragte sie mit einer Stimme, die nun nicht mehr Jamie gehörte.

"Hallo, Sie haben die Nummer der Hochschule für freie Künste gewählt.", ratterte eine computergenerierte Stimme herunter. "Zurzeit befindet sich niemand im Haus, der Ihren Anruf entgegennehmen kann.", dass diese Computerstimmen auch niemals einen Funken Wärme besitzen mussten,

"Hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton oder rufen Sie zu einem späteren Zeitpunkt zurück." Ein langgezogener Signalton und Maggies/Jamies Herz schlug ihr bis zur Brust.

"Hi, mein Name ist Mags, Margaret Marks.", nervös zwirbelten sie an ihren nassen Locken, "Ich würde gerne sagen, dass ich hier anrufe, obwohl ich einen Job habe, aber die Kunst mich trieb. Nur, derzeit habe ich keinen Job, aber die Kunst trieb mich dennoch dazu. Sicherlich haben Sie tausend andere Bewerber, deren Traum es ist, bei Ihnen zu arbeiten, die leidenschaftlich sind, versprechen alles zu geben. Allerdings muss ich Ihnen sagen, dass ich nichts mehr habe. Dass es mir allerdings wieder ein Leben geben würde, wenn ich mit der Kunst beginnen würde. Über einen Rückruf würde ich mich freuen."

Nachdem sie aufgelegt hatte, schlug sie sich gegen die Stirn. So würde sie mit Sicherheit keinen neuen Job finden.

Am Morgen gegen sieben Uhr schrillte allerdings das Telefon. "Miss Marks?", eine sterile Stimme, die keine Computerstimme, aber mindestens so unterkühlt war.

"Ja?", Mags hob ihren Kopf vom Sofa.

"Der Dekan der Hochschule will Sie sprechen, passt Ihnen heute um 13 Uhr?", die Stimme hakte einen Terminplan ab. Ob die Frau, zu der die Stimme gehörte, ihre Nachricht auch gehört hatte? In dem Fall teilten Mags und die unterkühlte Sekretärin das Problem, dass sich beiden entzog, welchen Grund der Neugier der Dekan haben könnte.

Vor Jamie tauchte erneut ihr Bildschirm auf, der Kopfschmerz war nun verschwunden, sie musste sich nun einfach darum kümmern, dass Maggie sich angemessen zum Gespräch anzog, aufgeregt die Straßenbahn nahm und sich darum bemühte, im Wartezimmer vor der distinguierten Sekretärin Platz zu nehmen ohne dabei die Nerven zu verlieren.

Jamie setzte sich müde von der Tastatur weg. Sie würde den Dekan als jung, engagiert und charismatisch darstellen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie ihre Protagonistin zu dem machen sollte, was ihr in dem Moment durch den Kopf ging. Mags war jung, geistreich, aufstrebend, sollte sie also diesem witzsprühendem Menschen das antun?


2006

Jamie war 21, als sie in diese Spirale aufgenommen wurde. Erst acht lange Jahre später wurde sie ausgespuckt. Mit 21- damals noch jung, charismatisch und engagiert- war sie in erster Linie einfach
nur unfassbar naiv. Hätte sie in ihrer Gegenwart die Möglichkeit sich selbst vor 8 Jahren zu begegnen, dann hätte sie sich vermutlich an einen Stuhl gefesselt und solange auf ihr junges Ich eingeredet, sich geschüttelt, bis die Saat seines Rechtfertigens endlich aus ihr heraus gespült wäre. Mit 21 war sie erst im zweiten Collegejahr. Sie liebte das Studium, sie liebte sogar das Lernen. Ihre Mutter kam des Öfteren zu Besuch, setzte sich auf ihr rotes Sofa und sagte anerkennend: "Weißt du Schatz, wie viele Sorgen ich mir auch um dich mache, hier an der Uni mache ich mir über dich gar keine Gedanken, lernen konntest du schon immer."

Adam war der einzige, mit dem sie so viel teilte, wie bisher mit niemandem. Sie lagen einfach nebeneinander. Ihre Finger ineinander verschränkt. Das Fenster war weit aufgerissen und der Vorhang wehte weit in den kleinen Raum hinein, aber die Wärme des jeweils anderen stieg ihnen zu Kopf. Es war wie Fieber. Vor knapp drei Wochen hatten sie die Nacht auf der Bank verbracht und die Dunkelheit erlaubte es ihnen zu tun, was sie da taten. Nicht aus Genuss, aus Angst, zu erkennen, dass es Adam war, der vor ihr lag, schloss Jamie die Augen. Mit ihren Fingern erkundete sie seine Hände, seinen Arm, seinen Hals. Bis ihre Finger ein nicht kontrollierbares Eigenleben entwickelten und tatsächlich nicht beabsichtigt über seinen Mund fuhren. Als sie es knapp eine Woche später Luke erzählte, warf er ihr an den Kopf zurück: "Unbeabsichtigt, Jamie? Sei mal ehrlich zu dir selbst, wenn nicht zu mir!"

Etwas erschrocken zog sie ihre Hand etwas zurück, begann stattdessen wieder unsichtbare Muster auf seinem Arm nachzuzeichnen. Adam drückte sie enger an sich, um ihr Einhalt zu gebieten. Nur ihr Arm entschlüpfte seine Umarmung, fuhr an seinem Hals hoch zu seinen Wangen, seinen Augen, seinen Lippen. Das durfte sie nicht. Andererseits, er hatte ja nichts gesagt.

Beim nächsten Mal, biss er nach ihren Fingern. "Wenn du so weiter machst, falle ich über dich her.", seine Stimme klang brüchig.

"Da hab ich aber Angst.", sagte sie und fuhr unbeirrt fort. Sie hatte die Augen noch immer geschlossen, ängstlich darüber, dass sie beim Öffnen wusste, was sie tat. Die Umarmung wurde fester. "Du bist alles andere als brav!", flüsterte er und plötzlich nahm sie seinen Atem ganz nahe wahr.

"Ich hab nie gesagt, dass ich brav...", er unterbrach sie. Zunächst war da ein Fluchtinstinkt, aber seine Hand auf ihrem Rücken ließ sie nicht gehen. Seine Lippen waren weich.

Als sie voneinander abließen sahen sie einander erschrocken an. "Es...es tut mir so leid!", sagte Adam, es klang aber wenig reuevoll.

"Mir tut's leid, ich wollte nicht, dass du..dass wir......entschuldige.", die Worte purzelten nur so heraus.

"Ich hab dir deinen ersten Kuss gestohlen und dir tut's leid!", Adam lachte und küsste sie erneut.

"Waaahhh, das is nich gut!", sagte er und sah sie an, "ich mein, wie lang kennen wir uns schon? Fünf Jahre?"

"Ich war damals 15. Sechs, du Mathegenie!", kicherte sie.
Er wandte sich ihr zu und sie lagen da Nasenspitze an Nasenspitze. "Wir sollten nich. Wir haben Kussverbot...Du bist die Vernünftige, du hältst uns davon ab!", übertrug er ihr die Verantwortung und näherte sich ihr wieder.

Zwischen den Küssen versuchte Jamie wieder zu sich zu kommen. "Wir haben Kussverbot!", flüsterte sie und wurde erstickt. "Wir sollten nicht", murmelte sie, ohne es sonderlich zu meinen.

"Oh ja, wir sollten nicht", flüsterte er und ignorierte das von ihm geforderte Verbot. "Wir hören gleich auf."

Als er aufhörte, sah er sie an. "Das ist komisch.", meinte er nachdenklich.

"hm?"

"Naja, du und ich...also, hättest du je gedacht, dass wir uns je küssen würden. ich mein...komisch.", er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen.

"Komisch", bestätigte Jamie und zog sie verletzt weg.
Just in diesem Moment begann der Lärm von draußen und widerwillig stand sie auf und ging fluchend in die Küche: "Wenn das wieder ein Prollauto ist!", drohte sie. Sah aus dem Fenster, konnte aber keine aufleuchtende Alarmanlage sehen.

Sie drehte sich um und sah seine Umrisse auf sich zukommen, fühlte wie er sie an sich riss und sie stürmisch küsste. Dann umarmte er sie. "Es ist nur, du bist meine beste Freundin. Und...ich hab dich lieb!", sagte er.

Das beruhigte sie ein wenig. "Ich hab dich doch auch lieb."

Dass Adam diesen Kuss nur freundschaftlich einsortieren konnte, war kein Zufall. Kurz vorher hatte er ihr von Tina erzählt, die er so unheimlich gern hatte. Die Göttin.

Jamie hingegen kam aus recht geordneten Verhältnissen, in ihrer Familie gab es keine Scheidungen und alle verheirateten Paare waren verliebt. Ein Kuss war in dieser Familie eben nicht nur ein Kuss. Aber- und darin bestand der Anfang ihrer Karriere als 'die andere Frau'- das, was an jenem Tag passiert war, gefiel ihr. Sie würde diese Erinnerung wie einen Schatz im Gedächtnis bewahren. Insgeheim wusste Jamie, dass er sie niemals wirklich wertschätzen würde, niemals so ansehen würde, wie sie es verdient hatte. Aber sie hatte 21 Jahre gewartet, worauf? Sie musste also umdenken lernen, sich und ihn rechtfertigen können, in erster Linie nicht vor den anderen, vor sich selbst. Mit der Zeit würde dieses Unterfangen aber immer schwieriger werden. Irgendwann war es ja auch nicht mehr nur Tina, die stets die Göttin bleiben würde, mit der Jamie den Vergleich nicht aufnehmen konnte.


2014

"Hi", sagte Jamie, nachdem die Tür geöffnet wurde. Sie wusste nicht, ob sie damit rechnen konnte, sie in der alten Wohnung anzutreffen. Immerhin war es ein Jahr her, dass Jamie sie das letzte Mal gesehen hatte. Das schöne Gesicht, das sie früher so bewundert hatte, war innerhalb eines Jahres vollkommen verändert. Sophia wirkte müde, erschöpft. Ein ausgebeulter Pullover hing an ihr
herunter. Jamie hatte diesen Pullover öfter an ihr gesehen. Früher fand sie ihn legere, ja irgendwie verwegen. Hatte Sophia auch vor einem Jahr schon so ausgesehen?

Sophia hielt vollkommen erstaunt inne. "Ähm....", sie zog ihre Stirn kraus. Was willst du hier?, schien sie regelrecht zu fragen und so genau konnte Jamie es ihr nicht beantworten.

"Darf ich rein kommen?", Jamie kam die Treppen schon hoch, ohne wirklich eine Antwort abzuwarten. Sophia machte ihr Platz. Mitten im Flur blieb Jamie schließlich stehen und ließ Sophia sie in die Küche führen. Jamie setzte sich an den Eichenholztisch, Sophia blieb an der Spüle stehen und tippte nervös dagegen.

"Jamie, es... es tut mir alles wirklich so leid.", brachte sie endlich unter Jamies Blick hervor.

"Ich weiß.", sagte Jamie milde und überraschte Sophia damit umso mehr.

"Ich hatte nie die Chance, es dir zu erklären.", sie biss sich auf die Unterlippe und die Vergangenheit verschleierte kurz ihren Blick. Sophia strich sich eine Strähne aus ihrer Stirn und tröstend behielt sie die Hand auf ihrer Wange und schüttelte über sich selbst den Kopf. "Ich wusste, dass du wieder hergekommen warst, aber ich hatte solche Angst, dir unter die Augen zu treten."

Angespannt faltete Jamie die Hände im Schoß. Sie erinnerte sich, in welchem Zustand sie ihre Wohnung wieder bezogen hatte. Ziemlich sicher hätte sie Sophia damals den Kopf abgerissen. Nein, es war gut, dass Sophia damals nicht nach ihr gesehen hatte.

"Erzähl mir davon.", bat Jamie eindringlich.

Sophia sah nun endlich hoch. Bitterkeit. "Wieso willst du das alles wissen?", fragte sie verständnislos.

"Weil ich deine Seite nicht kenne.", erklärte Jamie gelassen.

Sophia setzte sich schließlich zu ihr an den Tisch. "Danny und ich kennen uns seit mehr als zehn Jahren.", ihre Stimme klang erstickt. "Wir haben zusammen das Praktikum bei der Zeitung begonnen.", das hatte Daniel ihr damals auch erzählt. "Ich hatte damals meinen Freund, Aiden.", sie lächelte ein wenig, "Er war meine Jugendliebe. Ein unheimlich netter Kerl. Wir waren damals schon 4 Jahre ein Paar, wollten auch bald zusammenziehen. Naja, nur Danny nahm eben immer mehr Teil meines Lebens ein. Wir waren eben auf der gleichen Wellenlänge, machten Überstunden zusammen, und irgendwann...", Tränenbäche stauten sich mit einem Mal in ihren Augen. Sie schaute weg, konnte es vor Jamie kaum aussprechen. Und sie hatte so unsagbar Angst vor der Verurteilung.

"Und dann?", Jamie gab ihr ein Taschentuch und lenkte zumindest ab, dass Sophia es aussprechen musste.

"Weißt du, wenn ich dabei nichts empfunden hätte, wenn es wirklich nur ein Ausrutscher gewesen wäre", die Tränen kullerten nun über ihre Wangen, "ich hätte so weitergemacht wie bisher. Aber das konnte ich nicht. Mir hatte es was bedeutet. Mir.", betonte sie, "Ich machte damals Schluss mit Aiden. Es tat mir so leid. Aiden war ein wirklich netter Kerl.", ihre Unterlippe bebte.

Jamie konnte nicht einfach unermüdlich weiterfragen. Mitfühlend legte sie ihre Hand auf Sophias. "Hey, wenn's dir zuviel ist...", begann sie, wollte schon nahezu gehen.

"Nein.", resolut schüttelte Sophia den Kopf, "Nein, ich will es dir erzählen.

Die Geschichte ist nun nahezu 11 Jahre her. Ich sollte darüber hinweg sein.", sie lachte sich aus und Jamie umfasste ihre Hand nur fester. "Na, ich ging dann zu Danny, weil ich dachte... naja, was jeder an der Stelle gedacht hätte. Dass es Bedeutung hatte. Ich hatte es ihm erzählt, dass ich mit Aiden Schluss gemacht hatte. Und ich werde nie vergessen, mit welchem Blick er mich da bedachte, als hätte ich komplett ein Rad ab! Er ging einen Schritt zurück und hob die Arme, als würd er mir ein Friedensangebot machen. Und er sagte mir, dass er das nie von mir verlangt hätte. Er meinte, er wäre nicht der richtige für mich.", sie spie es förmlich aus. "Er stellte es so dar, als ob er nicht gut genug für mich war. Und ich glaubte ihm."

"Oh, Sophia.", murmelte Jamie und fand sich in dieser Schilderung derartig wider. Sophia sah nur kurz hoch, bestätigte ihre Blauäugigkeit von damals und versank wieder in der Geschichte: "Wir beschlossen also Freunde zu bleiben.", sie kicherte, als hätte jemand einen wirklich guten Witz erzählt. "Eine Weile klappte es auch. Bis dann Mike in mein Leben kam.", Sophia seufzte, "Das war etwa vier Jahre später. Und Mike hat mich auf Händen getragen. Es gelang ihm sogar, Danny fast aus meinem Leben zu verbannen. Leider nur fast.", sie zauderte, weiterzuerzählen.

"Aber Danny und ich haben eben die gleichen Interessen, natürlich unternimmt man auch weiterhin gerne etwas miteinander. Es ist... naja...es ist..."

"Gewohnheit.", ergänzte Jamie und wusste nun endlich, weshalb Sophia damals so gehandelt hatte.

"Ja!", erleichtert nickte sie, fühlte sich verstanden, "Gewohnheit! Irgendwann verbrachte ich eben zu viel Zeit mit Danny, zu wenig mit Mike. Und Mike verließ mich dann, von einem Tag auf den anderen. Ich blöde Kuh habe es mir auch selbst zuzuschreiben. Da war ich schon 27 als es vorbei war. Und Danny tröstete mich...etwas zu intensiv.", wieder seufzte sie.

"Ich war da 27 und immer noch wie ein kleines Mädchen bei ihm. Naja, und dann kamst du.", verwirrt sah sie Jamies tröstende Hand an und jedes Wort war eine stechende Nadel, "Ich war so unwahrscheinlich eifersüchtig. Es gab solange Danny und mich, aber dann habe ich gesehen, dass du ihn glücklich gemacht hast. Das konnte ich damals kaum ertragen. Aber ich wollte mich in die Situation fügen."

"Ehe du ihn ganz verlierst.", sagte Jamie mit den Gedanken bei Adam und erntete damit ein kleines Lächeln auf der Gegenseite.

"Aber dann gab es da eben diesen Abend, als er bei mir war, in meinem Arm lag und darüber klagte und jammerte, dass du ihm nicht genug Aufmerksamkeit schenkst. Dann ist es eben passiert...", wieder biss sie sich auf die Lippe, "Es tut mir so leid! Ich schwöre dir, IHM hat es nie irgendwas bedeutet. Direkt danach ist er fast aus dem Bett gesprungen, und hat ruckartig meine Wohnung verlassen. Ohne ein Wort.". Eine Weile blieb sie stumm. Jamie wusste, wie es sich anfühlte, wenn ein solcher

Jemand einen einfach verlässt. Sie holte tief Luft: "Ich muss zugeben, dass ich überrascht war, als ich erfuhr, dass du ihm verziehen hast. Aber er war glücklich. Das war für mich okay. Und du hast ihm nie verboten mich zu sehen.", sie schürte misstrauisch die Augen, "Das habe ich nie verstanden, was wolltest du damit bezwecken?"

Jamie zuckte die Achseln. "Ich wollte ihm zeigen, dass ich ihm auch weiterhin vertraute. Es zumindest wollte." Eine Weile war es ja auch gut gegangen.

"Naja, dann hatte er sich um den Platz beim Magazin in den USA beworben.", erinnerte sie sich. "Und dann..."

Ja, und dann. Jamies Magen zog sich zusammen.


2013

Am Anfang war das Haus der Himmel auf Erden. Es hatte hohe Decken und war bisher so spartanisch eingerichtet, dass es Jamie nun möglich war, ihre Hand walten zu lassen. Jamie konnte nie wirklich gut Autofahren, aber das Haus am Rand der Wüste lag so weit außerhalb er Siedlung, dass es Jamie möglich war, den Anfahrtsweg als langes Aufwärmen zu nutzen. Und den lud sie gehörig voll in einem Kaufrausch. Musselinvorhänge in Flieder, Vasen, Bilderrahmen, Blumen. Innerhalb eines einzigen Tages hatte sie es geschafft, dem Haus Leben zu verleihen. Daniel kam nach Hause und blieb staunend im Hausflur stehen. Jamie stand im Türrahmen zum Wohnzimmer angelehnt und wartete unsicher seine Reaktion ab. Daniel pirschte regelrecht durch die Zimmer, vom Flur, bis ins Wohnzimmer, das Schlafzimmer und wieder zurück. Als er endlich direkt ihr gegenüber stand, sah Jamie den feinen Schweißfilm, der nach dem harten Arbeitstag im Wüstenlicht sanft auf seiner Stirn glänzte.

"Jamie?", es war, als würde sie einen offiziellen Urteilsspruch abwarten, "Es gefällt mir.". Jamie sprang zu ihm ein wenig hoch und küsste ihn. Er schmeckte nach Wüstensand. Diese zwei Wochen waren wohl die glücklichsten und friedlichsten, die sie mit Daniel verbracht hatte. Und auch Tag 14 begann so, wie die anderen zuvor. Jamie warf sich eines der riesigen Flanellhemden um, als die Sonne durch die Vorhänge im Schlafzimmer fiel und sie in den Wimpern kitzelte. Die Küche, mit der sie sich auch nach zwei Wochen nicht hatte anfreunden können.

Alle anderen Räume und Flure hatte Jamie nach ihrem Geschmack gestaltet, aber die Küche war noch immer ein steril- funktionaler Ort. Sie streckte sich und machte das Radio an, das Daniel für sie viel zu weit oben angebracht hatte. Nein, im Moment war die Küche nicht ideal. Aber bei dem Antiquitätenhändler in der Innenstadt hatte sie die Tage zuvor mit Gewürzregalen und Ölkaraffen geliebäugelt. Morgen würde sie Camille nochmal besuchen. "Walking on Sunsine" schallte aus dem Radio und gut gelaunt bugsierte Jamie Milch und Eier aus dem Kühlschrank, schmiss den Herd an und rührte ihren Pfannkuchenteig zusammen. So wie jeden Morgen fühlte sie, wie sich Daniels Arme um ihre Taille schlossen und er sie am Hals küsste, sodass sein Dreitagebart zu stechen begann. "Wenn du Frühstück willst, solltest du das jetzt lassen.", warnte sie lächelnd.

"Hmh...ich sollte es lassen.", murmelte er in den Kragen seines Flanellhemdes, das er der Warnung achtlos aufzuknöpfen begann und es ihr über die Schulter streifte. Und wieder verbrannten die Pfannkuchen. Es war ein leicht dahin schwappender Alltag. Es war vorhersehbar, stabil, alles was Jamie je gewollt hatte. Sie wusste genau, dass er sich um Punkt neun Uhr in den staubigen Jeep von Mick, seinem Kollegen schwingen würde. An manchen Abenden kam er auch mit Mick zum Abendessen nach Hause. Mick war ein junggebliebener Mittfünfziger.

Seine melierten Haare waren kurzgeschoren, sodass sein rundes Gesicht damit nur noch runder wirkte. Strahlende grüne Augen stachen aus goldener sonnengegerbter Haut hervor. Und um Augen und Mund zeichneten sich tausende kleine Falten ab, die Mick sich uneitel zu zeigen nicht scheute. Er nannte sie in affektiertem British-Englisch Darling, sie revanchierte sich mit Babe. Manchmal blieb er auch über Nacht und schlief geräuschvoll schnarchend auf der beigen Couch im Gästezimmer zwischen allen, noch unausgepackten Kartons seinen Rausch aus. An jenen Morgen hatte Jamie etwas mehr als das Flanellhemd an. Nachdem Daniel aus dem Haus war setzte sie sich gewöhnlich an ihren Laptop und schrieb einige Seiten über Annie, die von einem Tag auf den anderen ihre Koffer gepackt und ausgewandert war. Selbstverständlich wenig autobiografisch, aber Claire hatte die Idee bereits abgesegnet.

Gegen 12 Uhr, als die Sonne am Zenit stand und erbarmungslos durch die Fenster fiel, sämtliche Schatten im Raum vertrieb, nahm Jamie sich eine gekühlte Wasserflasche aus dem Kühlschrank und mit einer Gießkanne bewaffnet goss sie die Orchideen, die am kühlsten Punkt im Erker standen. Etwas ungeduldig starrte sie auf den Boden im mit Mosaiksteinchen geschmückten Topf, in welchem sie Tomaten anpflanzen wollte. Ungeduldig wartete sie den seligen Moment ab, in dem sich die Erde teilen würde, um einem kleinen Sprössling Platz zu machen. Das spannende Leben eines Kleingärtners. Meist begann Jamie zu dem Zeitpunkt bereits das Essen zum Abend zu kochen, während sie zeitgleich erbost mit der Telefongesellschaft nach einer halbe Stunde in der Warteschleife abzuklären versuchte, weshalb das Internet in ihrem perfekten Häuschen noch immer nicht installiert worden war. Ein unspektakuläres, ruhiges Leben.

Mittlerweile, wenn Jamie darauf zurück schaute, war ihr klar, dass dieses Leben nie für sie geschaffen war. Es war unaufgeregt, herrlich routinemäßig, aber es war nicht mehr Jamie Aberdeen. In jenen zwei Wochen in Amerika war Jamie allerdings zufrieden mit dem Leben einer anderen Frau. Sie war weit weg von Heavensrain und in den zwei Wochen war sie überzeugt, dass diese Entscheidung unumkehrbar war.

Es war der 8. März, das würde sie nie mehr vergessen. Aus einer Geisteseingebung heraus holte Jamie ihre mintgrüne Strickjacke aus dem Eichenholzschrank, ein gemasertes Monstrum mit altertümlichen Schnitzereien, in den Jamie sich gleich verliebt hatte. Ihr Blick fiel dabei auf all die Winterkleidung, die platznehmend im Schrank hing. Zufälle. Das war es, woran Jamie schon immer glaubte. Zufälle, die darin bestanden, dass sie an jenem Tag sich dagegen entschieden hatte, zum Antiquitätenhändler zu fahren und Küchenartikel zu kaufen.

Zufälle, die auch in der Entscheidung bestanden hatten, dass sie das dünne weiße Batistkleid angezogen hatte, das Marley ihr vor einer Ewigkeit ausgeliehen hatte und Jamie vergessen hatte, es ihr zurückzugeben. Zufälle, die die Entscheidung einschlossen, auch Daniels Zeug wie aus ehelicher Sorgfalt mit auszuräumen. Und letztlich der Zufall, dass in der Herbstjacke eine Tasche etwas schwerer war als die andere. Eigentlich war Jamie nie ein eifersüchtiger Mensch, sie dachte sich auch nichts dabei, in diese Tasche zu greifen. Immerhin hatte sie ihre eignen Taschen auch alle entleert, ehe ihre Jacken und Pullover eingemottet werden würden. Dann zog sie ein schweres Feuerzeug heraus, das mit filigranen Mustern versehen war und einen Bogen eng beschriebenes Papier. Es war Sophias Schrift, Jamie kannte die elanvoll geschwungenen Buchstaben.

Zwar wusste sie recht genau, dass es nicht rechtens war, aber sie sank zu Boden, entfaltete das Blatt, das dem Anschein nach schon öfter gelesen war, weil die Tinte an der Falte fast verblichen war, und stillte ihre Neugier.

"Dan,
ich weiß, ich sollte dich einfach ziehen lassen. Nicht, weil ich es will, sondern weil es das ist, was du dir gewünscht hast, als du vor 4 Tagen bei mir warst. Und ich weiß, dass du es erneut als Fehler ansehen wirst. Jamie wird es dieses Mal nicht erfahren, nehme ich an?

Dan, ich wünsche dir aufrichtig, dass du weit weg von uns endlich glücklich werden kannst. Dass Jamie dich glücklich macht. Aber ich
hoffe inständig, dass du zumindest erkennst- wenigstens dieses Mal, dass es nicht einfach so geschehen ist. Ich habe es dir so nie gesagt, und ich schwöre dir, ich werde nun nicht imstande sein, es dir ins Gesicht zu sagen, aber Danny, ich liebe dich.

Ich weiß, dass du es als Freundschaft bezeichnest, seit jeher. Aber Danny, Freunde schlafen nicht miteinander!

Entschuldige, es ist nicht meine Absicht, dir Vorwürfe zu machen. Aber wenn wir auseinander gehen, dann doch wenigstens ehrlich und aufrichtig, nicht wahr?

Also hier nun die Wahrheit, die du dir nicht einzugestehen wagst- Wir haben vor 4 Tagen miteinander geschlafen. Als du bei mir warst, um mir zu sagen, dass du weg gehst. Als du Abschied nehmen wolltest. 'Ich muss gehen.', dabei wolltest du nicht gehen. Schließlich bliebst du. Und Danny, ich werde es in meinem Leben nie bereuen.

ABER- ich kenne dich. Daher bekommst du zum Abschied dieses Geschenk von mir- verbrenne diesen Brief. Vergiss für immer, was passiert ist. Vergiss mich.

S."

Jamie konnte keinen einzigen Muskel in ihrem Körper regen. Fassungslos starrte sie auf diesen Bogen. Die Worte wirbelten vor ihren Augen und mit einem Mal fühlte sich die britische Jamie Aberdeen fremd in dem noch leicht chaotischen großen Haus einer Amerikanerin, die sie für 2 Wochen kennen lernen durfte.
21.4.17 13:00
 
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