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Altbekannte Muster

Der Konzern, in welchem Luke ein Praktikum machte, lag im vierten Stock eines riesigen Glasgebäudes. Es stand noch ein wenig aus, ob er übernommen wurde, oder nicht, aber zumindest gab es keine Beschwerden von Seiten des Arbeitgebers, der ominöse Chef, von dem Luke ehrfurchtsvoll sprach. Jamies Blick fuhr wie gewohnt zu den hohen Decken hoch, an welcher ein protziger Deckenschmuck aufgemalt war.

Selten hatte Jamie das Gebäude betreten, aber sie erinnerte sich noch an die Etage und zumindest an den putzigen Chemiker mit der spiegelglatt polierten Glatze und den riesigen Brillengläsern. Sie drückte auf den Knopf und mit einem Pling wurde ihre Aufmerksamkeit von der Decke weggelenkt. Jamie wollte nicht an das Gespräch denken, wollte nicht an Sophias Worte denken. Als sie einstieg, stieß sie wie üblich gegen diejenigen, die aus dem Fahrstuhl strömten, glücklich ihrem Feierabend entgegen. Einen kurzen Moment lang hatte sie das Gefühl, dass ein Paar dunkler und tiefgründiger Augen sie ansah. Dass in der Menge eine Person war, die sie kannte. Sie schüttelte das Gefühl schnell wieder ab, als die Fahrstuhltür sich öffnete. Luke hatte ihr des Öfteren von dem Büro erzählt. Der Teppich im Grün eines Golfplatzes war mit den Jahren, die er dort lag nun lädiert und zertreten und jeder Hausstaub- und Milbenallergiker hätte sicherlich wenig Freude daran. In den meisten Büros brannte noch Licht, weil der geheimnisumwitterte Chef es begrüßte, wie Luke es euphemisierend umschrieben hatte. Keine Bürogespräche, niemand, der auf dem Golfplatzteppich im Gang den Weg versperrte. Stattdessen waren es zig Arbeitstiere, eingepfercht in ihrem Zwinger. Auch in Lukes Büro brannte das Licht. Vorsichtig klopfte Jamie an.

"Ja?", kam Lukes Stimme gedämpft durch die gerillte Milchglastür.  

"Interne Pohost.", rief Jamie ihm zu.

"Herein?", erlaubte er und klang verwundert. Bei ihrem Anblick lehnte er sich erleichtert in seinem Drehstuhl zurück. "Ich habe mich schon gewundert, wir haben eigentlich keine Hauspost.", kicherte er.

In der Wirtschaftswelt, in der man sich behaupten muss, wirkte Luke anders. Das sonst weiche, milde, das sie so an ihm mochte, war ihm abgefallen in diesem Büro. Hinter ihm war ein kleines Fenster, welches nicht genug Licht ins Büro ließ und die Angestellten damit vergessen ließ, dass eine Welt außerhalb wartete. In seinem weißen Hemd und dem Sakko, welches er locker über den Stuhl gehängt hatte, wirkte er mit seinem herzlichen Lachen noch wie ein Staubsaugervertreter.

Aber Jamie hatte ihn mit dem bebrillten Kollegen vom Nebenbüro sprechen sehen, da war er anders. Nur eine Kleinigkeit, für das ungeübte Auge unsichtbar, erinnerte den Besucher in diesem Büro und Luke selbst daran, wer er war: In dem Regal, neben dutzenden Büchern über irgendeinen für den Normalsterblichen nicht zu erfassenden komplexen Inhalt, stand ein Bild in einem silbernen Rahmen, das Jamie damals aufgenommen hatte. Ein Bild von Emily mit Luke zusammen, beide lachend sich anstrahlend, auf einer Picknickdecke sitzen, an dem Tag, an dem sie die Verlobung offiziell machten. Jamie liebte dieses Bild.

"Also, was gibt's?", er stützte die Ellenbogen auf der Tischplatte ab und legte den Kopf auf seine Hände.

"Luke?", dramatisch seufzte Jamie, "Ich bin schuld!"

Verwundert zog er eine Augenbraue hoch. "Seit wann denn das? Ich war doch immer Schuld.", scherzte er mit gespielter Kränkung. Jamie bedachte ihn eines strafenden Blickes. In der Schule, als sie wirklich Angst hatte, die Klausuren nicht zu bestehen, hatte er sich ritterlich angeboten, die Schuld dafür auf sich zu nehmen.

"Wenn dein künftiger Chef sich fragt, weshalb du da eine schlechte Note hast, darf er mich anrufen und ich werde dafür einstehen, dass ich die schuld an der Note hab.", hatte er ihr dabei versprochen im sicheren Wissen, dass sie ohnehin nie eine Klausur verhauen würde. Zugleich war Jamie durch dieses skurrile Versprechen erleichtert, die Verantwortung ein wenig abgeben zu können.  

"Okay? Woran hast du denn diesmal Schuld?", es war ja nicht so, als würde es dieses Gespräch zum ersten Mal führen.  

 

2013

Der 4.4.2013 war ein Tag, der Heavensrain alle Ehre machte. Es regnete aus Eimern. Riesige und kalte Tropfen, die Jamie daran erinnerten, nicht mehr in der staubigen Wüste zu sein, sondern in ihrem alten Leben, in welchem es auch mal regnete. Sie wartete vor dem Eingang zum Bahnhof und ließ sich vergnügt berieseln. Früher war sie die erste, die sich über Regen beschwert hatte. Luke stand etwas im Stau, sodass Jamie ihre ersten Momente in Heavensrain tatsächlich auskosten konnte, bis das silbergraue Auto anfuhrund er ihr die Tür öffnete.

"Hey", sagte er gedehnt und Jamie meinte, das Mitleid heraushören zu können.

"Hi.", probierte sie bemüht fröhlich. Aus Stolz hatte sie sich fest vorgenommen, nicht im Auto in Tränen auszubrechen und ihm ihr Versagen zu erklären. Aber abgesehen davon, als sie in das Auto stieg, freute sie sich wirklich über Heavensrain, darüber dass es regnete, darüber dass Luke sie abholte.  

"Also, wie geht's so?", versuchte sie sich im Smalltalk und strapazierte seine Geduld damit ins Unermessliche.

"Gut?", unsicher konzentrierte er sich weiterhin auf die Straße. Als er gerade an der roten Ampel den Blinker nach rechts setzte, berührte Jamie ihn sachte am Arm. "Kannst du mich bitte zu mir fahren?", ihre Stimme klang nicht zittrig. Luke hatte ...na was hatte er erwartet? Zumindest nicht das verleugnende Wesen, das er neben sich sitzen hatte.

"Traust du dir das zu?", fragte er nach und Jamie merkte, dass er sich zwang, sie nicht anzusehen.

"Fahr mich einfach bitte zu mir, okay?", ruhig atmete sie ein und aus. Luke fügte sich und Jamie starrte wortkarg aus dem Fenster. Bekannte Straßen zogen an ihr vorbei. Sie war knapp einen Monat nicht mehr hier, soviel konnte sich eigentlich nicht verändert haben. Nichtsdestotrotz war alles so fremd. Eingeschlossen ihrem Hauseingang und der blauen Tür gegenüber ihrer Wohnung, die sie entfernt an eine Geschichte erinnerte.

"Hast du mit Mrs. Carraway geredet?", erkundigte sie sich unsicher, als er ihr ihren alten Schlüsselbund reichte. "Sie ist damit einverstanden, die Kündigung zu shreddern.", bestätigte er ihr. Irgendwie war alles so unecht. In der Wohnung waren die Möbel noch alle an ihrem alten Platz, ansonsten stapelten sich noch die Kartons, die Luke hätte längst zu ihr schicken sollen. Erstmals war sie dankbar, dass er nicht auf sie hörte. Und gerade da, in ihrer alten wunderbaren Wohnung, die gegenüber der blauen Tür lag, in der ihr so gut bekannten Stadt, in der sie sämtliche Straßen schon abgelaufen war, weit weg von dem neuen Leben, das sie abgebrochen hatte, fiel sie auf den Boden und fing endlich an zu weinen.

Er hätte es ihr nie gesagt, aber er war erleichtert, als er sich neben sie setzte und ihr den Arm um die Schulter legte. Jamie brauchte einen Moment, bis sie erschöpft ihre Kopf auf seine Schulter legte.

"Es ist alles meine Schuld...", tränenverschmiert sah sie zu ihm hoch und Luke wünschte sich zutiefst, mehr hervorbringen zu können als ein bloßes "Hä?". Unglücklicherweise wusste er aber nur die Eckdaten und nicht die genauen Umstände, die Jamie zu dieser Schuldeinsicht verleitet hatten. Ihre Unterlippe zitterte und sie bekam kaum noch Luft.

"Atme erst einmal!", leitete er an und strich ihr über den Rücken. Jamie machte zwar Anstalten zu sprechen, aber sie merkte schnell, wie sinnlos ihre Versuche waren. Ein absurdes, gänzlich unpassendes Lachen stieg in ihr auf. Ohne zu zögern stand Luke auf und nahm sich ein Glas aus dem Küchenschrank, bei dem Jamie in diesem Augenblick dankbar feststellte, ihn gar nicht ausgepackt zu haben. "In Amerika hätte ich eine Xanax gekriegt.", scherzte Jamie, erntete dafür aber nur ein Kopfschütteln.  

"Woran glaubst du Schuld zu sein?", sein Ton war der eines Vaters, der seine Tochter tröstete, dem der Hund weggelaufen war. Papa. Jamie scheuchte dieses Bild schnell aus ihrem Bewusstsein. "Er wollte in die USA, damit ich von Adam wegkomme. Ich hätte mehr von ihm Abstand nehmen sollen. Ich hätte fordern sollen, dass er mehr Abstand von Sophia nimmt. Ich hätte...", sie fand keine Worte mehr. Sie hatte mit einem Mal das Gefühl, dass sie so vieles hätte anders machen müssen und fragte sich, weshalb sie es dann nicht auch einfach hat.  

"Jamie?", Luke merkte, dass sie wegdriftete. "Was hat Sophia damit zu tun?"
Zweifelnd biss sie sich auf die Unterlippe und blickte ihn mit großen Augen an. Sie hatte ihm damals nichts davon erzählt. Damals wollte sie nicht, dass er sie verurteilte für ihr Vertrauen.

"Jamieee?", dieses Mal klang es drohender.

Was hätte Jane an ihrer Stelle getan? Wie würde sie es in eloquenten und logisch nachvollziehbaren Argumenten erklären, die dem Gegenüber die Möglichkeit nahmen, das Handeln skeptisch zu hinterfragen? Aber ihr Alter-Ego hätte an dieser Stelle auch nichts ausrichten können.

"Er hat mich betrogen mit ihr, ich hätte von ihm verlangen sollen Abstand zu nehmen... weil...weil...", sie wollte seine erneute Untreue nicht zugeben. nicht unbedingt vor Luke, es fiel ihr vor sich selbst schwer.

"Er hat dich betrogen und du hast daran schuld, weil du ihm den Umgang mit der Frau nicht untersagt hast?", Lukes Stimme überschlug sich fast vor Wut.

"Ja, weil,..oh man...", unsicher sah sie weg, "Daniel hat mich wieder betrogen mit Sophia, kurz bevor wir nach Amerika sind."

Stille kehrte in die Wohnung ein. Einen unerträglichen Moment lang hörte sie den Wasserhahn tropfen, bis plötzlich Luke ein Schnauben entfuhr. Er war plötzlich aufgestanden, riss ihre Tür auf und Jamie schreckte plötzlich auf, als ein dumpfer Schlag vom anderen Ende des Flurs hallte. Davon erschrocken sprang Jamie auf und rannte zur Tür, von wo sie Luke gebeugt vor der blauen Tür stehen sah.

"Was zur Hölle?", fauchte sie ihn an und konnte erkennen, dass er seine rechte Faust umklammert hielt. Ein Blick auf die Tür, die keinen Schrammen genommen hatte, sondern nur etwas an Farbe eingebüßt hatte. An den Knöcheln war nur etwas aufgeschürfte Haut und ein Ausdruck kindlicher Idiotie.

"Jamie", begann er, hatte seine Zähne dabei noch aufeinander gedrückt. Sie packte ihn bei den Schultern und schob ihn regelrecht in die Küche, damit sie seine pochende Hand unter den zuvor tropfenden Wasserhahn halten konnte. Erleichtert seufzte er auf. "Jamie.", setzte er erneut an, "Wenn er jetzt da wäre, dann würde ich ihn zusammenschlagen. Aber leider ist er außer Landes geflohen, ehe ich es tun konnte. Diese dämliche blaue Tür hat's grad auch getan!", erklärte er. Obgleich sie es nicht zugeben würde- das müsste sie nicht einmal, Luke wusste recht genau, was in ihr vor sich ging- aber genau das war es, was sie gebraucht hatte.  

"Willst du nicht auch?", schelmisch zog er die Augenbraue hoch. Jamie überlegte nicht lange, ihr Alter-Ego Jane, die weltgewandte Dame, schrie laut auf, aber Jamie sperrte sie in das hinterste Zimmer in ihrem Gehirn. Entschlossen ging sie auf die Tür zu und mit der Hacke versetzte sie ihr einen Tritt. Danach erst erzählte sie Luke von Daniels Untreue. Und erst danach- viel zu spät- bekam sie die Absolution, die sie gebraucht hatte.  

"Ich trage also keine Schuld?", war das Ende einer langen Unterhaltung und es fühlte sich für sie fast unverschämt richtig an, als sie es sagte. Luke hatte seinen Kopf auf die Tischpatte gelegt und den Kopf müde darauf gebettet. Die Hand, die er sich bei seinem Schlag etwas aufgeschürft hatte, war provisorisch mit einem Taschentuch verbunden. Eifrig nickte er.  

 

2014

"Ich war bei Sophia.", fing Jamie an.

Lukes Augenbraue schoss nach oben. "Du machst mich neugierig..."

"Ich kann dir gerade auch nicht erklären, welcher Teufel mich geritten hat, sie zu sehen.", sie schalt sich selbst. "Wir haben über beide Male geredet.", da begann ihre Erzählung zäh zu werden.

"Sie hat es mir aller geschildert, und aus ihrer Sicht hätte ich verhindern müssen, dass Dan und sie sich weiter trafen."

"Warte, warte!", Einspruch nehmend hob Luke die Hand. "Hast du da eine Kleinigkeit übersprungen?", eindringlich sah er sie an.

"Hmpf.", entfuhr es ihr als Antwort und allwissend lehnte er sich zurück. Hätte er einen Rauschebart, den hätte er an dieser Stelle sicherlich genüsslich gezwirbelt. "Okay... sie kannten sich lange und wie es scheint, hat Dan ihr immer wieder Hoffnungen gemacht, mit ihr geschlafen, aber ihr im Prinzip danach gesagt, dass sie ja nur Freunde sind."

Ein Beben schüttelte Lukes Körper, die Bemühung, das aufsteigende Lachen zu unterdrücken.

"Sag es.", forderte Jamie.  

"Erinnert mich bloß an eine andere Geschichte.", flüsterte er laut genug. Jamie verzog dabei den Mund. Ja, sie kannte die Geschichte nun langsam auch zur Genüge. Die Sache mit Adam hatte sie aber nun endlich beendet. Hingegen Sophia war auch noch nach zehn Jahren mittendrin. "Deshalb habe ich ja verziehen.", konstatierte Jamie fast gleichgültig. Hätte Luke einen Rauschebart, nun hätte er aufgehört ihn zu zwirbeln.

"Jaaa, spar's dir.", eins von diesen Bürospielzeugen lag auf seinem Tisch und Jamie spielte zur Ablenkung mit dem Kopf des Steh-auf-Vogels, mäßig erfolgreich. Luke schob es aus ihrer Reichweite. "Du weißt nicht, was ich sagen wollte."

"Ich kann's mir denken.", murmelte sie.

"Du bist da einfach zu großherzig.", ruhig sah er sie an und schob ihr den Vogel nun wieder hin. Sie ließ ihn diesmal stehen.  

"Naja, jedenfalls", sie konnte nie auf Komplimente eingehen, "jedenfalls meinte sie auch, dass ich hätte eingreifen sollen.". Schuldbewusst fielen ihre Schultern herab.

"Mhm...", nachdenklich drehte er sich hin und her.

"Ich hätte einfach...", Jamie suchte nach einem treffenden Adjektiv, aber keines traf es besser als, "anders handeln sollen."

"Anders sein sollen?", fragte er und ohne überlegen nickte sie. "Also eine andere sein, in die Daniel sich verliebt hat. Also hätte Daniel eine Beziehung geführt mit einer anderen.", er führte leider nur den logischen Strang zu Ende,

"Und damit hätte Daniel dich betrogen mit... mit dir selbst.". Jeder Mensch hatte bestimmte Arten zu lächeln, aber Jamie war sich vollends sicher, dass ein Lächeln allen Menschen gemein war, wenn sie merken, dass man Recht hat und noch vielmehr, wenn sie merken, dass das Gegenüber merkt, dass er im Unrecht ist.

"Also so gesehen, ja, Jamie, ja, du hast Schuld.". Die Ironie sickerte ihr wuchtartig entgegen und sie giggelte herzlich.

Nach einer Stunde machte Jamie sich auf. Kurz bevor sie die polierte Klinke berührte, rief Luke ihr hinterher. "Stop!", sie drehte sich um.

"Kann es sein, dass du dir hast wieder mal was einreden lassen?", er zwinkerte scheinheilig.

"Ähmm?....also...", ja, das hatte sie.  

"Jamie, nimm es als gelbe Karte, beim nächsten Mal sag ich es Marls und du darfst einen der Traummänner deiner Mom treffen."

Sie schluckte. Nein, sie musste sich Mühe geben.  

8.5.17 19:15
 
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