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Fortsetzung: Was ist denn schon so schlimm daran?

2007

Wer hatte sich in seinem Leben nicht schon des Öfteren geirrt? Gut, es sei denn, man führt das Leben einer Jane Doe, konnte man Irrtümer denn überhaupt verhindern? Und wieso erkaltet man damit? Wenn es doch als menschlich gilt, wieso schämt man sich dafür? Jamie schämte sich erst, sobald Fehler gehäuft passierten. Sie war eben ein Kind der Wissenschaft, was bedeutete, dass mehrere gleichartige Missgeschicke gegen einen Zufall sprachen.

Jamie hatte schließlich aufgehört, Luke mit hysterisch kichernden Anrufen zu nerven und wagte sich an die Abschlussarbeit, verbrachte Tag und Nacht vor dem Laptop schielte und sehnsüchtig auf den Seitenzähler am Bildschirmrand. Die vorgeschriebene Mindestseitenanzahl war längst erreicht im Februar. Dennoch fehlten etliche Seiten, vor denen Jamie sich drückte. In erster Linie herrschte Müdigkeit vor und sie mochte nahezu kaum das Blickduell mit dem Bildschirm immer wieder aufnehmen müssen.

Ihr war nur allzu klar, dass ohnehin der Laptop gewinnen würde. Also beschloss sie, sich eine Woche wenigstens eine Auszeit zu nehmen. Sie unternahm nun erst recht mehr mit Freunden, für kurze Zeit ging es ihr auch tatsächlich ein kleines bisschen besser. Zumindest bis ihr Blick wieder den Laptop traf, der in einer Ecke ihrer Wohnung verbannt war.

Ihre rote Decke um ihre Schulter geschlungen trank sie eine Tasse Tee. Zu dem Zeitpunkt gab sie gegenüber ihren Freunden zu, sich wie eine Rentnerin zu fühlen. Tagsüber machte sie nicht allzu viel, erledigte ihre Besorgungen, hatte allein heute lediglich Adam getroffen, aber abends saß sie davon erschöpft auf ihrer Couch eingemummt und sorgte sich um den nächsten Tag. Jamie schaute noch kurz hinaus durch den Spalt, den ihre Gardinen ließen. Es war eine sternenklare Nacht. Dieser Himmel war auch überall sonst zu sehen, an den Orten, die Jamie so gern hätte sehen wollen. Sie stellte die Tasse in die Spüle, morgen würde sie sie sauber machen.

"Das sag ich mir nun auch schon seit einer Woche.", diskreditierte sie sich. Seit mehreren Tagen sagte sie sich schließlich vor, die Arbeit bald wieder aufnehmen zu wollen. Und hier stand sie nun, mit einer dreckigen Teetasse in der Spüle und einer drohenden Arbeit, die auf sie lauerte. Schwerfällig wollte sie ins Bett gehen, es war nicht einmal zehn Uhr abends, als eine SMS sie erreichte und ihr Handy sich aufgeregt bemerkbar machte. Es war Zoe, eine Freundin, die nun bald selber mit der Arbeit beginnen würde und Jamie fragte, wann sie ihr dabei helfen könne.
Jamie tippte schnell ins Handy, sich gerade eine Pause gönnen zu wollen, weil sie es nicht mehr länger aushalten könnte. In der gleichen Sekunde kam die Antwort. Dass Zoe auf sie angewiesen wäre, wie sie die Arbeit ohne ihre Hilfe überhaupt schreiben könnte, weil Zoe ihre Hilfe automatisch mit einkalkuliert hatte, und so weiter und so fort. Jamie setzte sich auf die Kante des Sofas und bat um Verständnis dafür, dass sie derzeit nicht helfen könnte. Dass, selbst wenn sie neben ihr saß, sie keinen klaren Gedanken hätte fassen können. Langsam wurde sie auch trotzig. Sie würde weinen, sobald sie wieder auf ein weißes WordDocument-Blatt sehen müsste. Nein, sie würde auf sich selbst achten.

Aber erneut schrieb Zoe ihr, lange Nachrichten, bei denen Jamie nicht einmal hinterher lesen konnte. Alle mit der gleichen Aussage- wie konnte Jamie sich erdreisten jetzt, gerade jetzt eine Pause zu nehmen, wenn ihre Hilfe erforderlich war?! Jamie ließ sich schließlich breit schlagen und sagte zu zu helfen, allerdings erst, nachdem sie ausgeruht sein würde.

Auf diese Weise kam es zu mehreren Treffen. Es war abgemacht, dass Jamie nur beratenden Charakter haben sollte. Zoe sollte sich Gedanken machen, wie sie etwas zu schreiben hatte, Jamie sollte lediglich zustimmen oder es in Frage stellen. Bis es zu jenem Treffen kam, als Zoe ihr einige Seiten der Auswertung zeigte.

"Ich sehe darin keine Fehler.", bestätigte Jamie ihr. Zoe wies mit ihrem Zeigefinger allerdings auf einen Satz, der zur Erklärung des Prozederes diente: "Offen gestanden, das habe ich nicht verstanden."

"Aber du hast es doch geschrieben, und das stimmt ja auch.", ermunterte Jamie sie.

"Jaa, ne. Ich habe es aus deiner Arbeit abgeschrieben.", gestand Zoe ihr.
Jamie erstarrte förmlich. "Woher hast du meine Arbeit?", sie mühte sich, ihren Zorn nicht herausklingen zu lassen, allerdings war der Versuch deutlich zu spüren.
"Na aus der Bücherei, da sind die Arbeiten doch alle aufgestellt.", erklärte Zoe ahnungslos. "Also jedenfalls, ich hab es da gefunden und aufgenommen, aber verstanden habe ich es nicht."

Da erkaltete Jamie. Emotionslos erklärte sie ihr Vorgehen in der vollkommenen Klarheit darüber, dass Zoe an keiner Stelle, an der Jamie sie beraten hatte, tatsächlich sich hat beraten lassen. Denn rein faktisch hatte Jamie die Arbeit stets gemacht und Zoe hatte sich emsig Notizen gemacht.

Da dachte Jamie noch an einen Zufall. Sich in einem Menschen getäuscht zu haben, das gehört doch immerhin dazu. Die Enttäuschung darüber ließ sie eine Mauer gegen Zoe aufbauen und sie nicht mehr in ihr Leben zu treten erlauben.

Allerdings ließ sie der Vorfall mit Hanna sie ihre Menschenkenntnis anzweifeln. Jamie stand hinter der Theke des Eco-Shops. Eliza hatte sie frisch eingestellt. Da bekam sie die SMS. Hanna hatte ihre heiß geliebte Wohnung in Heavensrain beziehen dürfen. Und offenbar war sie nun eingezogen. Im Grunde erwartete Jamie sich Danksagungen darüber, dass sie ihr diese Wohnung vermittelt hatte, in der Jamie dereinst so glücklich war. Außerdem hatte sie auch ihr unter die Arme bei der Abschlussarbeit gegriffen ohne dafür etwas zu verlangen. Eliza summte fröhlich ein Kinderlied vor sich her, als Jamie die Nachricht ein zweites und drittes Mal las und das Handy wutentbrannt auf den
Tresen knallte. Eliza hinter ihr hörte gleich zu Summen auf und eilte erschrocken zu ihr.

"Alles okay, Jamie?", Jamie arbeitete noch keinen Tag hier und Eliza tätschelte mütterlich ihre Schulter. Bei jedem anderen hätte es Jamie aufgestoßen, Eliza hatte zu Jamie hingegen gleich einen guten Draht. Jamie reichte ihr fassungslos das Handy.

"Jamie, wer will, dass du bezahlst, dass Farbe weggebracht wird?", unschlüssig betrachtete Eliza den ihr unbekannten Absender.
"Hanna.", Jamie knirschte mit den Zähnen.

"Ich hab ihr meine Wohnung in Heavensrain vermittelt und sie hatte Farbe über und meine bunten Wände überstrichen. Das ist ja auch ihr gutes Recht...", Gedankenkreisel, "Aber sie entsorgt sie kostenlos! Und sie will...will mich dafür bezahlen lassen." Sie begann zu lachen, es war einfach zu grotesk. Nachdem sie sich ausgeschüttet hatte, fügte sie hinzu: "Ich hab ihr zuvor bei ihrer Abschlussarbeit geholfen."

"Wie dreist.", echauffierte sich Eliza und ihre Löwenmähne wirkte in jenem Moment tatsächlich bedrohlich. Über eine halbe Stunde schimpfte Eliza über den Verlust der Menschlichkeit im Zeitalter der Globalisierung, kam immer wieder zu dem Punkt zurück, dass sie sich über Hanna aufregte und versuchte die Aussage auf eine Allgemeingültigkeit zurückzubringen. Derweil machte sie ihr einen Kakao mit Zimtzwieback und als Mrs. Welch, eine Stammkundin, den Shop betrat, regten die beiden sich gemeinsam vor Jamie über Hanna auf und brachten Jamie damit endlich zum Lachen. Nein, nach Hanna sah Jamie es nicht mehr als Zufall, sich des Öfteren in Menschen zu irren. Manchmal ist das aber so mit guten Vorsätzen, auch wenn alles dagegen sprach, oder vielmehr dafür, dass Jamie ihr geschenktes Vertrauen des Öfteren in Frage stellte, Jamie pfiff drauf. Sie fasste weiterhin schnell Vertrauen, zu schnell an mancher Stelle. Dennoch- es wurde öfter, schließlich stärker bestätigt als widerlegt.


2014

Verwirrt pirschte Jamie von einem Punkt des Raums zum anderen. Sollte sie, sollte sie nicht? Ob er sich nicht ohnehin schon bei ihr gemeldet hatte? Vielleicht wollte er sie nur gegeneinander ausspielen. Ja, das wird es sein. Dann wär es doch auch ihre Pflicht, Marley Bescheid zu sagen. Und dieses in sein Gesicht geschweißte, hochnäsige Lächeln, das nicht so recht zu seinem einstudiert reumütigen Ausdruck passen wollte.

Sie griff zu Telefon. Andererseits, war die Reue eingeübt? Das allein reichte, um das Telefon wieder wegzulegen. Würden sie Gewissensbisse plagen, wenn sie Marley nicht gleich anrufen würde? Die Antwort war klar- Ja, würde sie. Hätte sie ein schlechtes Gewissen, es ihr erst morgen erzählt zu haben? Ja, das auch, aber zumindest war das schlechte Gewissen erst auf den morgigen Tag geschoben.

Die Tür der Kommode schien in diesem Moment zu vibrieren. Jamie stellte die Amaryllis vom Fensterbrett, öffnete das Fenster und machte die Schublade auf. Ihr Geheimvorrat. Sie zündete sich eine Zigarette an und beobachtete genüsslich, wie der Rauch spielend verflog. Mit dem Zeigefinger machte sie den Laptop wieder an und war an der Stelle von heute Morgen angelangt, die Eingangsfrage- sollte sie ihre Protagonistin das Schicksal der anderen Frau ereilen lassen?
Sicher, im Nachhinein hatte sie es überlebt genauso wie Sophia auch. Mags stand nun an einem Scheideweg und Jamie durfte für sie entscheiden. Dieses eine Mal- und das geschah bei Jamie wirklich zu selten, sodass man es sich an einer Hand abzählen konnte- war Jamie sich vollends sicher in einer Entscheidung. Wenn Maggie Jamies Leben in den Grundzügen nachlebt, konnte Jamie darüber entscheiden, welche Passagen sich nicht wiederholen sollten. Zwar interessierte Jamie sich für alle

Eventualitäten, die Optionen, zwischen welchen sie hätte wählen können, hier war aber klar- diese Passage sollte kein Wenn haben. Einige Ereignisse oder Handlungen prägten sie, machten sie zu dem Menschen, der nun vor dem Laptop saß und diese Geschichte schrieb und sie war dankbar dafür. Dennoch: Nein! Das sollte Maggie nicht mitmachen. Sie rauchte auf und machte sich ans Schreiben. Der Himmel war in ein pastelliges Gelb getaucht, als sie wieder aufsah. Müde rieb sie sich die Schläfen. Hoffentlich war wenigstens etwas brauchbares herausgesprungen.
Sie speicherte es zwischen und schickte es Claire, sollte sie sich damit herumschlagen.

TRRRRR.....TRRRRRR....TRRRRR....

Jamies Hand schlug unkoordiniert nach dem Störenfried und fand dabei ihr Handy. Mit halbgeschlossenen Augen nahm sie den Anruf entgegen.

"Hmalllooo?", schlaftrunken versuchte sie sich den Anschein zu geben, wach zu sein, was ihr eher mäßig gelang. "Jamie, Darling, in einer Stunde hole ich dich zur Ausstellung ab.", trötete ihre Mutter durch's Telefon.

"Mommm!", beschwerte sie sich, "Es ist erst....", ein Blick auf die Uhr ließ sie aufspringen, "Drei Uhr nachmittags?"

"Eben!", sie hörte den Navi sie nach links weisen lassen, "Und du Schlafmütze steh auf! Die Sonne schaheint."

"Grmmm...", sie klang noch heiser.

"Also, in ein Stunde bin ich da. Bis dahin hast du Zeit, dich herzurichten. Du klingst ja so, als wärst du in einer Whiskeybar beschäftigt. Ich hoffe sehr, du siehst nicht so aus!", warnte ihre Mutter sie. Schuldbewusst starrte Jamie den Zigarettenstumpf an. Schnell verfrachtete sie ihren Vorrat zurück in die Kommode, entsorgte den Stumpf in einer Papierserviette im Mülleimer (durchaus paranoid, aber Jasmine war ein Nikotindetektor) und versicherte ihrer Mutter; "Keine Sorge Mom. Ich werde gestriegelt und gezäumt an der Haustür warten."

"Sehr witzig.", brummte es ihr aus dem Telefon entgegen. "Jamie?", ein ernster Tonfall trat nun an die Stelle affektierter Gereiztheit.

"Ja?", gewarnt hielt sie inne.

"Ich hoffe ja, es ist okay für dich.", nun wurde Jamie misstrauisch, danke Mom! "Ich habe Ms. Morris gefragt ob sie sich uns nicht anschließen wollen würde. Und sie hat zugesagt."

"Marley kommt mit?", unendliche Freude, damit würde die Veranstaltung nicht ganz so öde werden.

"Ja, ich hol sie vor dir ab. Bis gleich, Häschen!", sie legte auf.
Marley kommt mit, dachte sie fröhlich und stellte dann aber fest- Marley kam mit! Was in etwa so viel zu bedeuten hatte wie: Wann soll ich ihr das mit Ben nur erzählen? Wo ist denn da der richtige Zeitpunkt?

Nichtsdestotrotz: Marley kam mit! Mit ihr waren die dünkelhaften Schnösel wenigstens besser zu ertragen.


2011

Eine Stunde konnte manchmal so lange vergehen. Manchmal sogar eine Ewigkeit. Insbesondere, wenn über die Zukunft entschieden wird. Jamie saß im Wartezimmer vor dem Büro von Claires Chef. Claire hatte sie eigentlich erst zu vier Uhr bestellt, aber vor Nervosität entschloss Jamie sicher zu gehen und entsprechend früher da zu sein. Ob sie das wohl von ihrer Mutter hatte? Wenn sie Gäste erwartete, dann kaufte sie vorsichtshalber auch immer so viel ein, dass es über Wochen eine mehrköpfige Familie ernähren könnte.
In Heavensrain hatte sich in ihrer Abwesenheit nicht sonderlich viel verändert. Pöbelnde, missgelaunte Menschen schlurften an ihr vorbei, Jamie zwängte sich vorbei zu den Bussen und stieg aus vor einem altenglischen Gebäude, mit weißen Giebeln und großen viktorianischen Fenstern. Im Foyer saß eine pikierte junge Frau, die am Telefon etwas hochrelevantes abmachte und den Finger mahnend auf das Schild hielt, welches um Geduld bat. Nach einer anderthalbstündigen Zugfahrt und einer weiteren halben Stunde eingepfercht in einen Rush-Hour-Bus stand sie nun im Angesicht ihres kalten Angstschweißes vor einer drahtigen Frau, die ihre Macht gerne auskostete. Langsam legte sie auf, blätterte kurz in einer Liste der Rufnummern und wies Jamie zurecht, sich noch eine Stunde in die weißen Ohrensessel zu setzen, sie werde doch erst dann erwartet! Der letzte Teil klang in ihren Ohren ein wenig zu vorwurfsvoll.

Aber Jamie gehorchte. Auf den glänzenden weißen Tischen türmten sich Zeitschriften. Mit zittriger Hand ließ sie ihre Handtasche fallen, welche in dieser Stunde Zentner zu wiegen schien. Noch eine Stunde.

Zu Oberst lag ein Katalog, welcher die derzeitigen Publikationen des Verlags enthielt. Neugierig betrachtete Jamie die Buchtitel, versuchte zwar zu lesen, aber es gelang ihr nicht, auch nur eine einzige Hauptsatzkonstruktion in sich aufzunehmen. Entweder, ihre Geschichte würde veröffentlicht werden, oder... was eigentlich? Sie würde sich nicht entmutigen lassen, würde erneut schreiben, eine andere Geschichte, vielleicht ein anderer Verlag. Bis sie des Kellnerns überdrüssig würde.

Ihr Handy schrillte kurz auf und Jamie sah, dass Marley ihr eine "Ich drück dir die Daumen"-Nachricht geschickt hatte. Wieder nahm sie eine Zeitschrift vom Stapel, irgendein Hochglanzmagazin, welches vom Leben einer Miss Soundso berichtete, welche einen Mr. Dingsda datete. Fix hatte sie sich durch die Magazine auf ihrem Tisch geblättert, als sie erneut auf die Uhr sah- keine halbe Stunde war vergangen.

"Ähmm, Verzeihung?", fragte Jamie vorsichtig und die Frau hinter dem Tresen hob überheblich ihren Kopf. Ihre alabasterne Haut spannte sich straff um die hohen Wangenknochen. Die dunklen Augen stachen unter perfekt gezupften Augenbrauen musternd hervor. Ihre linke Hand, welche einen riesigen Verlobungsring zur Schau trug, fuhr prüfend zum Dutt nach hinten.

"Ja, bitte?". Sie zog ihren Mund zusammen, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Fast wäre ihr ihr Anliegen entfallen, dann bat Jamie sie noch nach einem Tee und mit ihrem beringten Finger wies die Dame auf die fein aufgestellten Teetassen neben einer Thermoskanne. Noch fünfundzwanzig endlose Minuten abzusitzen.

Immer wieder fuhr ihr Blick zur Uhr und sah sehnsüchtig, wie der Minutenzeiger sich schwerfällig mit einer leichten Rückkopplung nach vorne bewegte. Wie sie diese fünfundzwanzig Minuten verbrachte konnte sie nicht genau sagen. Ihr war so, als hätte sie zum wiederholten Male die bereits gelesenen Zeitschriften durchgeblättert oder ihre Handyfotos angesehen. Alles, was sie tat, dauerte jedoch nicht besonders lange und endete immer wieder damit, dass sie gleichermaßen neugierig und ängstlich dem Minutenzeiger hinterher sah. Bis die Miss hinter dem Tresen einen ihrer vielen Anrufe erhielt und nun ehrfürchtig- nach dem Anruf war ihr wohl klar geworden, dass Jamie wichtig war- erklärte sie mit einem erstaunlich warmen Lächeln: "Miss, sie kommen nun herunter."

Jamie stand auf, hob ihre Tasche auf, von der sie sich wünschte, dass keiner merkte, wie lädiert der Ledergriff nun war, und nahm ihren letzten Schluck Tee. Natürlich verschluckte sie sich. Ehe die Fahrstuhltür aufging, hustete sie sich aus. Wenn die Stunde schon eine Ewigkeit lang war- diese Sekunden, in welchen sich diese Tür öffnete, nahm Äonen in Anspruch. Ein Moment, in welchem noch alle Optionen vorhanden waren. Aber da kam ihr auch Claire entgegen, in einem altrosa Anzug und einem riesigen Lächeln auf den Lippen: "Glückwunsch, Darling! Du wirst verlegt!"

Diese Wohnung gegenüber der damals gänzlich dunkelblauen Tür hatte ihr Claire vermittelt, als sie nach Claires Meeting auf Kosten des Verlags Essen gingen und Claire ihr die Einzelheiten erzählte. Danach wollte Jamie nur noch zu Marley, von da aus auch Luke anrufen, sich mit den beiden einfach nur darüber freuen. Da sagte Claire noch aus heiterem Himmel: "Jamie?"

"Mhm?", damenhaft tupfte sie sich ihren Mund mit der Serviette ab. "Das ist kein Muss, versteh mich nicht falsch. Aber der Verlag ist in Heavensrain und mir würde es längere Fahrten ersparen bei weiteren Veröffentlichungen." Weitere Veröffentlichungen- das klang wie Musik in ihren Ohren. "Ich hätte eine Tante, die eine großartige Wohnung zu vermieten hätte. Für mich wäre es ganz praktisch, wenn du herziehen würdest."

Zurückziehen? Nach Heavensrain? Jamie musste etwas verdutzt drein geblickt haben. Das Kellnern würde sie bestimmt nicht vermissen. Aber Eliza? Verwirrt hielt sie sich die Serviette immer noch an den Mund. "Na überleg's dir noch.", anmutig hob Claire die Hand, um die Rechnung zu ordern. "Und ruf an, ich frage einfach Mira, ob sie dir die Wohnung zeigen kann."

Das wurde das Thema einer langen Telefonkonferenz mit Luke, Marley und Jamie und einer Flasche Eisweins, den die Mädchen gemeinsam leerten.


2014

Diese angekündete Stunde verging allzu schnell. Fix hatte sie sich angezogen, geschminkt und die Haare hochgetürmt. Sie müsste nun alles dafür tun, dass ihre Mutter nicht zu ihr nach oben ging. Sie eilte also barfuß nach draußen, zog sich ihre unbequemen, aber von Jasmine favorisierten hohen Schuhe an (bei jeden anderen müsste sich Jamie den ganzen Tag anhören, weshalb sie nicht die eleganten Riemchensandalen angezogen hatte) und wartete auf die Anfahrt des Wagens. Munter winkte ihre Mutter sie in den Wagen und neben ihr saß Marley. Ihre roten Haare waren zu einem gesitteten Seitenzopf geflochten und sie trug ein elegantes Sommerkleid. Sie wirkte so gelassen und ausgeglichen. Nein, heute würde sie ihre gute Laune nicht verderben. Das würde sie morgen tun.

War das aufgeschoben?, ihr innerer Monolog fiel den beiden anderen auf.

"Alles in Ordnung Jamie?", Marley drehte sich zu ihr um. "Hmh", nickte sie scheinheilig.

Ja, es wäre aufgeschoben, ja es war ein Verstoß gegen die Vorsätze. Aber wer würde das schon erfahren? Und was wäre schon so schlimm daran? Morgen lag auch ein Tag vor ihr, 24 lange Stunden, in welchen sie es Marley alles erzählen konnte.
25.5.17 08:49
 
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