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Auf dem falschen Weg

Das Licht am Anrufbeantworter blinkte mahnend und Jamie drückte den Kopf, während sie sich neben den Anrufbeantworter setzte und ihre schmerzenden Füße stöhnend massierte.

"Jamie, Darling.", Claires Stimme klang etwas gehetzt. "Zu den neuen Seiten- es waren viele Rechtschreibfehler drin, das ist eigentlich ja nicht üblich für dich", mit anderen Worten: lies dir deinen Text gefälligst selbst durch, ehe du ihn mir schickst, "Aber egal, was du gemacht hast, was dich auch immer inspiriert hat: Weiter so!".

Sie krabbelte zum Anrufbeantworter und drückte erneut auf das Lämpchen, um sicherzugehen, dass Claire sie gelobt hatte. "Weiter so!" Tatsächlich, es hatte ihr gefallen. Also sollte sie weiter in der Nacht schreiben.

Das Klingeln ihres Handys weckte sie wie gewöhnlich am nächsten Morgen. "Kannst du gegen zwölf bei der Brasserie sein? L."

Sie streifte sich eine bequeme Jeans und ein T-Shirt über. Ihre Zehen waren noch rosa und wund von den gestrigen Sandalen. Aus ihrem Schuhschrank fielen ihr die schwarzen und unscheinbaren Ballerinas entgegen, die sie sich damals entgegen des Rates ihrer Mutter gekauft hatte. Ob sie die Schuhe daher liebte, sei dahingestellt. Prüfend sah sie sich im Spiegel an.
Die Müdigkeit, welche sich in ihren Knochen ausbreitete, nachdem sie erneut in der Nacht geschrieben hatte, war ihr nicht anzusehen. Zufrieden griff sie nach der Ledertasche, in der von gestern noch ihr Portemonnaie und Ausweis steckte, und die sie aus bloßer Trägheit nicht suchen und in eine bequemere Tasche legen wollte und spazierte hinaus.

Die Brasserie war eine Straße vom Glasgebäude entfernt. Dort gab es die verführerischsten Macarones und Petites-Tartes im Schaufenster, deren Glasur in natürlichen

Orange- und Gelbtönen leuchtete. Es war kam elf Uhr, als Jamie ankam. Was hätte sie auch daheim sitzen sollen? Die Frau hinter dem Tresen war etwa in Jamies Alter, hatte aber mithilfe dicker Brigitte-Bardot-Lidstriche versucht, sich den Anschein einer Französin zu geben. Die Gwen in ihr war dennoch nicht zu übertünchen. Es war zwar klar, dass Jamie eben wie immer einen großen Café au lait - weil sie stolz darauf war die richtige Aussprache dabei zu haben- mit Zimtaroma bestellen würde. Dennoch studierte sie gründlich die Karte.

"Was darf es sein, Miss?", fragte Gwen höflich und Jamie stellte überrascht einen amerikanischen Unterton bei Gwen fest.

"Hmmm...was empfiehlst du denn?", fragte Jamie, den Blick noch auf die Karte gerichtet.

"Tja, wir sind bekannt für unsere süßen Spezialitäten.", mit der Hand führte sie eine elegante Bewegung in Richtung der Auslegware aus. "Außerdem sind unsere Milchkaffees auch sehr beliebt. Ich rate ja zum Frappocino.", beim Lächeln entblößte sie ein Zungenpiercing.

"Hm...", nahm Jamie nachdenklich an.

"Was auch immer die Dame nimmt, ich nehme einen Jasmintee und eine Apfeltarte und bezahle die Wahl der Dame.", sagte eine ungehaltene Männerstimme hinter ihr.

Empört drehte sie sich um und wandte ein: "Danke Sir, aber Sie brauchen mich nicht zu hetzen und meine Entscheidung sogar bezahlen, nur um eher bedient zu werden!", verblüfft starrte der Mittvierziger sie an. Seine dunkelbraunen Haare waren nun meliert und trotz des seriösen Anzugs und der damit einhergehend hohen Position wirkte er recht angespannt. Vermutlich war er Widerspruch nicht gewohnt.

"Ich hätte gern einen Café au lait.", Jamie sprach langsam, jetzt wollte sie sich keinen Aussprachefehler leisten, "mit Zimtaroma. Und ich zahle selbst, danke!"

Gwen gab ihr anerkennend ihren Kaffee und Jamie setzte sich auf einen der Terrassenplätze. Gedankenversunken mischte sie Zucker unter und blinzelte gegen die Sonne an, als ein abrupter Schatten sich auf ihrem Tisch breit machte. "Wenn ich Ihnen schon nicht den Kaffee bezahlen durfte, darf ich Ihnen wenigstens Gesellschaft leisten?", fragte er höflich.

"Ehrlichgesagt warte ich auf jemanden.", das entsprach ja der Wahrheit. Nur dieser Jemand würde eben in mehr als einer Stunde kommen.

"Bis dahin?", fragte der Unbekannte. Er wirkte wie ein geschlagener Hund und schuldbewusst konnte Jamie nicht anders, als ihm den freien Stuhl anzubieten.

"Ich bin Adam.", stellte er sich vor und Jamie hätte sich beinahe verschluckt. Nicht doch, kein Adam! Aber er hatte ein sympathisches Lächeln, kein Adam war doch wie der andere. Der konnte sich als nett herausstellen, daher entschloss Jamie sich nicht ihr Alter-Ego vorzugeben.

"Ich bin Jamie."

Es entwickelte sich ein tatsächlich freundliches Gespräch, darüber, dass Adam einen Mischling besaß, den er über alles liebte und welchen er unglücklicherweise nicht in sein Büro mitnehmen durfte. Darüber, dass Jamie ihre Wohnung zwar liebte, aber sich nichts sehnlicher wünschte, als einen kleinen Garten, um Erdbeeren und Zucchini anzupflanzen. Bis sie zum Punkt des Kennenlernens kamen: "Weshalb haben Sie denn ausgeschlagen, mich für Sie bezahlen zu lassen?".

Neugierig ließ er Jamie nicht aus den Augen und schob sich das letzte bröselige Stück der als köstlich gepriesenen Tarte in den Mund.
"Weil es nicht mein Stil ist, mich erkaufen zu lassen.", stellte sie leichthin fest und das Gefühl, sich dafür zu rechtfertigen, ließ sie nicht los.

Die Anspannung ging nun auf sie über. Obgleich dieser Adam recht nett war, nein, sie würde ihn nicht wiedersehen wollen.

"Das ist doch längst nicht alles.", hakte er lächelnd weiter nach.
"Adam, hören Sie, ich bin Psychologin.", seltsam, als hätte sie diese Unterhaltung bereits geführt.

"Und glauben Sie mir, doch, das ist alles, ich bin recht simpel gestrickt in der Hinsicht.", erklärte Jamie sich und lächelte. Adam erwiderte das Lächeln. Beschämt sah Jamie auf den Boden ihres ausgetrunkenen Milchkaffees. Gott, flirtete sie etwa? Sie würde ihn nicht wiedersehen wollen, das war dann doch falsch, oder? Er war ja ganz nett, umso ungerechter wäre es dann doch, ihm etwas vorzumachen.

"Hören Sie Adam", begann Jamie. Bei solchen Gesprächen hatte sie stets kläglich versagt. Immerhin war er ihr komplett fremd. Egal, wie sehr sie ihn vor den Kopf stieß, sie hatte keine Möglichkeit ihn tatsächlich zu verletzen, dafür hatte er nicht genug investieren können.

"Oh, Sie haben sich also eine psychologisch fundierte Meinung gebildet.", witzelte er.

Gerade, als Jamie aufsah und Adam reinen Wein einschenken wollte, sah sie Luke schnellen Schrittes auf sie zukommen. Etwas stark angespanntes war seinem Gesicht abzulesen und Jamie schürte ihre Augen, um zu erkennen, was er ihr mitteilen wollte. Erstaunt stellte sie aber fest, dass seine Aufmerksamkeit nicht ihr galt, sondern ihrem Tischgegenüber.

"Mein...ähm...Bekannter ist jetzt da.", es war mehr eine Frage, als eine Feststellung. Schnell stand Luke schon am Tisch und Jamie machte einige Schweißtropfen an seinen Schläfen aus. Reflexartig stand sie auf und flüsterte ihm bei der Umarmung zu: "Alles okay?"

In der Kürze der Zeit fiel seine Antwort knapp aus: "Gleich!", vertröstete er sie. Dann wandte er sich Adam zu und streckte ihm die Hand entgegen: "Mr. Mullroy, Guten Tag!"

Mr. Mullroy, von dem Jamie nun wusste, dass er Adam hieß, schüttelte freundlich und leicht konfus die Hand, bis ihm im Gesicht ein Licht aufzugehen schien: "Ach, Mr. Cohan, richtig?"

"Ja, Sir!", erleichtert, dass er erkannt wurde, fuhr er sich durch sein Haar. Da wurde Jamie endlich klar, wem sie eigentlich gegenübersaß und fassungslos starrte sie den erstaunlich jungen, ominösen Chef an.

"Nun, da Sie hier sind, bin ich ja nicht mehr erforderlich.", sagte er enttäuscht mit einem Blick auf Jamie. Immerhin nahm er ihr den Korb vorweg, das ersparte ihr die peinliche Ansprache. Luke nahm sich aber einen Stuhl vom Nebentisch und stellte ihn dazu: "Aber nein. Bleiben Sie doch!"

Kurz überlegte Adam, das Angebot auszuschlagen, dann warf er aber erneut einen Blick auf Jamie und missdeutete ihre aufkommende Anspannung als Aufregung. "Gerne. Dann lade ich Sie aber auf einen Kaffee ein, mein Lieber!"

Kaum war er außer Hörweite, beugte Luke sich vor: "Woher kennst du meinen Boss?"

"ich hab hier auf dich gewartet und wollte mir meinen Kaffee von ihm nicht bezahlen lassen. irgendwie steht dein Boss wohl auf Chuzpe, jedenfalls hat er sich zu mir gesetzt.", fasste Jamie zusammen.

Während Luke nachdachte, blickte er durch das Schaufenster, wo Adam sich brav in die Schlange eingereiht hatte und versuchte abzuschätzen, wie viel Zeit ihnen blieb, ehe er wieder neben ihm am Tisch saß.

"Was hast du jetzt vor?", erkundigte er sich.

"Ich wollte wieder impertinent sein und ihm einen ehrlichen Korb geben.", meinte Jamie gleichgültig. Lukes flache Hand schlug auf dem Tisch auf, sodass das Geschirr Millimeter über dem Tisch schwebte und mit einem Klirren wieder aufkam. Die Gäste an den umstehenden Tischen sahen dabei nicht weniger erschrocken drein als Jamie. Adam rückte in der Schlange weiter vor.

"Weißt du, warum ich dich herbat? Mr. Frings, mein Büronachbar.", der glatzköpfige bebrillte putzige Chemiker, sie nickte. "Er wurde entlassen, Jamie!"

"Oh...", Mr. Frings war geschätzte 75 Jahre alt und in etwa zwei Drittel seines Lebens bei dem Konzern angestellt. Ihn zu entlassen war alles andere als plötzlich, aber gewöhnlich hielt eine Firma doch an einem so langjährigen Mitarbeiter fest.

"Verstehst du, mich muss man nicht mal entlassen, ich habe einen befristeten Vertrag, den muss der liebe Adam da drin nur auslaufen lassen.", Luke stützte seinen Kopf auf den Tisch und Jamie strich ihm einige Strähnen aus der Stirn. "Und ich plane gerade meine Hochzeit, verrat mir doch bitte, wie ich das stemmen soll?"

Adam bestellte gerade. Da richtete Luke sich wieder auf. "Hör mal, ich hätte nicht erwartet, dass du meinem Boss begegnest und gleich per Du mit ihm bist. Ich wollte dich eigentlich fragen, wie ich mich subtil einschleimen kann?"

"Wieso glaubst du, dass ich das weiß?", leicht empört zog sie ihren Mund krumm. Bei seinem frustrierten Ausdruck ruderte sie allerdings schnell zurück. "Okay, sorry, nicht wichtig."

"Jamie, kannst du bitte, ich meine es ernst, Bitte,", sämtliche Zukunftsangst schwebte in diesem einen Wort, "bei ihm ein gutes Wort für mich einlegen."

Adam alberte gerade mit Gwen herum, welche ihm dabei half, den Kaffee und zwei Stück Tarte auf ein Tablett zu bugsieren und ihm dazu noch Zucker- und Zimtstreuer auflud, die wiederum umkippten und wieder aufgestellt wurden. Jamie biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Irgendwie wirkte er gelöst und schließlich war er ihr ja auch sympathisch. Außerdem war es ja für einen guten Zweck.

"Also gut.", ergab sie sich.


2004

Kaum hatte Jamie ihr zwanzigstes Lebensjahr überschritten, sorgte ihre Familie sich ein wenig über die Spätzünderin. Immerhin kümmerte Jamie sich nicht sonderlich darum, bislang keinen Freund gehabt zu haben.

Leider war Jamie die einzige, die sich nicht sonderlich daran stieß. Vielleicht hätte sie ihrer Familie gestehen sollen, dass sie zuvor ab und an mal verknallt gewesen war, vielleicht hätte es sie milde gestimmt. Vielleicht hätte sie auch gestehen sollen, dass sie als 16jährige eine sehr unschuldige Beziehung über ein halbes Jahr mit Adam geführt hatte, den sie bei Lilly damals kennen gelernt hatte und bei dessen Anblick sie damals einfach hin und weg war.

Mein Gott, sie war 16, mit 16 verliebt man sich eben mal in einen jungen, der zur Tür reinkommt und herzlich "Hallo" sagt und sich abends neben der Couch zu Lillys und Jamies Füßen kauert und dort selig einschläft. Ja, manchmal reicht das.

Über das Wochenende war Jamie zu ihren Eltern gefahren. Die eingesessene Couch im Wohnzimmer war das ihr liebste Möbelstück. Ihren Kopf auf die Lehne gebettet las sie gerade die Pflichtliteratur, während ihr Vater zur Gitarre griff und die Saiten probeweise zupfte und unzufrieden die Saiten fester zog, ehe er den ersten Akkord spielte. Das Buch schläferte Jamie regelrecht ein, aufgeklappt legte sie es sich einfach auf den Bauch und schloss genüsslich ihre Augen, indessen sang ihr Vater die Strophe von Eleonor Rigby an. "I look at all the lonely people, where do they all come from? I..."

"Liebling!", Jasmine stürmte ins Zimmer, was ihren Vater kurzerhand aufhören ließ zu spielen, und drückte Paul Aberdeen einen Kuss auf die Stirn und ließ sich auf den Sessel neben Jamie fallen. Mühsam öffnete Jamie ein Auge, wechselte einvernehmlich einen Blick mit ihrem Vater. Aber auch Paul wusste nicht, was seine Frau ausgeheckt hatte und er fuhr mit der Melodie von Itsy-Bitsy-Spider fort.

"Darling, heute hatte ich einen Mittagsbrunch mit einer betuchten Kundin, Mrs. Scott. Und da kamen wir über Gott und die Welt ins Gespräch.

Schließlich kam sie über ihren Sohn Greg ins Schwärmen.", vorfreudig klatschte sie in die Hände und im Hintergrund sang ihr Vater begleitend: "down came the rain and washed the spider out" und Jamie drückte ihre Lippen aufeinander, um die Situationskomik zu missachten.

"Na, jedenfalls", etwas konsterniert warf sie ihrem Gatten einen wenig überzeugenden wütenden Blick zu, "Greg ist 28, er ist erfolgreicher Jurist auf dem Weg zum Partner und hier darauf ist seine EMail-Adresse. Überleg's dir Schatz!", wie von der Tarantel gestochen sprang sie auf und wollte in Richtung des Erkers gehen, wo die Orchideen auf sie warteten.

"Out came the sun and dried up the rain", sang ihr Vater. Jasmine machte kehrt, griff an sein Kinn und sagte halb drohend, halb belustigt: "Ach du!". Damit drückte sie ihm einen Kuss auf und kümmerte sich um ihre Blumen.

"Papa?", Jamie setzte sich im Schneidersitz auf dem Fußboden neben ihm und schaute ihn mit großen fragenden Augen an. Papa hatte sie ihn zuletzt mit 14 genannt, ab dem Zeitpunkt folgte das ihre Mutter erschütternde "Mom und Dad". Paul spielte einen Akkord, legte die Gitarre dann auf seinen Knien ab und schaute ernst hinab. "Was sagst du?"

"Dass ich hoffe, dass deine Mutter die Orchideen nicht versehentlich ertränkt.", sagte er affektiert ernst. Jamie verpasste ihm einen kleinen Haken gegen das Knie.

"Okay, okay!", mit einem Ächzen setzte er sich zu ihr auf den Fußboden, sodass sie auf einer Augenhöhe waren. "Ich denke, dass egal wie hinreißend und fabelhaft", die beiden Worte überspitzte er im Ton ein wenig zu stark und klimperte sogar mit den Wimpern, "Greg auch immer sein mag, es immer deine Entscheidung ist Jamie. Weißt du, du bist nicht mehr mein kleines Mädchen.", sentimental fuhr er ihr über den Kopf, "Du bist erwachsen und ich bin sehr stolz auf dich. Und ich bin auch stolz darauf, dass du mich dabei um Rat fragst.", er tat so, als würde er sich eine unsichtbare Fliege zurechtrücken. "Aber Jamie, weil du erwachsen bist und weil ich dich erzogen habe, vertraue ich darauf, dass du die richtige Entscheidung triffst."

Gerührt lächelte Jamie. "Singen wir nun Itsy bitsy zu Ende?"

"Lieber ein anderes Lied.", schlug Paul vor. Seine erwachsene Tochter legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab und sie sangen nostalgisch Yesterday.

Ihre erwachsene Überlegung war utilistischer Art: vielleicht würde sie sich verlieben, aber andernfalls könnte sie ja wenigstens einen netten Kumpel kennen lernen, und so oder so würde auch ein kostenloses Essen dabei rausspringen. Also, was soll's, okay. So schrieb Jamie eine Weile mit Greg, in der Tat schien er gefestigt in seinem Leben zu sein.

Ein kultivierter junger Mann, der die besten Schulen besucht hatte, sich in der Literaturwelt beeindruckend gut auskannte und ihr von der Freilichtoper in London vorschwärmte, die in lauen Sommerabenden veranstaltet wurden und zu welchen er sie auch mitnehmen könnte. Sie ließ sich gern umgarnen und Greg war irgendwie von der alten Schule, bis er sie nach etlichen Nachrichten zu einem Date überredet hatte.

Stillschweigend ahnte Jamie, dass sie von ihrer Mutter 'beraten' werden würde, wenn diese davon erführe, aus diesem Grund tischte sie ihren Eltern auf, sich mit Lilly zu treffen. Zu ihren Datevorbereitungen gehörte es entsprechend, Lilly als ihr Alibi zu instruieren.

Auch später hatte sie selten ein so krampfiges Date. Nicht mal als sie später ihren Fitnesstrainer traf, der das Date über kein anderes Thema hatte als seine Exfreundin, die ihm das Herz rausgerissen hatte, Ernährung und wie falsch sich Jamie bislang ernährt hatte, und ging dann wieder über zu der Exfreundin. Um sich einen Anschein rebellischer Wildheit zu verleihen, erzählte er ihr, dass er bei seinem besten Freund und dessen Freundin eingeladen war und die Freundin ihrem Freund zuliebe gefragt hat, ob er nicht bei einem Dreier mitmachen wolle. Seine Antwort wäre ein "Neeee...nich so" gewesen, Jamies Reaktion bestand in Ekel und einem hiesigen Fluchtimpuls. Der Abschied bestand darin, dass er ihr brühwarm erzählte, kein Aids zu haben, na Glückwunsch, dachte sie bissig und verabschiedete sich. Nein, mit Greg begann es vielversprechend: kein Ansprechen der Exfreundin oder anderer peinlicher Erlebnisse.

Sie trugen sich Gedichte von Tennyson vor und debattierten die Bedeutung von Milnes Tieren im Hundertmorgenwald. Bis sie dann zum Spaziergang aufbrachen, da erkannte Jamie, dass die empfundene Leichtigkeit in seiner Nähe einer nahezu vollständigen schauspielerischen Leistung seinerseits zu verdanken war. Sie gingen in der Altstadt spazieren und das Gespräch stockte.

Später erklärte Marley es ihr damit, dass seine detaillierten Karteikarten aufgebraucht waren und er damit keine Themen mehr zur Verfügung hatte, um spritzig oder eloquent zu sein. Unangenehm still gingen sie nebeneinander her und er legte seinen Arm um ihre Schulter. Bei jeder anderen Gelegenheit wäre es eine romantische Geste gewesen, ein zarter Annäherungsversuch. Aber sein Arm war eine Stahlpranke, vollends verspannt. Seine Muskeln und soweit es möglich war auch die Gegenmuskeln spannten sich nervös an. Zum Abschied umarmte er sie und rang ihr das Versprechen ab, dass sie sich bald darauf erneut treffen würden. Nicht einmal am nächsten Tag bekam sie einen empörten Anruf ihres Vaters: "Jamie, ich bin sehr enttäuscht von dir!"

Greg hatte in seiner Aufregung seiner Mutter vom Date erzählt, welche es selbstverständlich ihrer Mutter erzählt hatte, die es ohne zu Zögern mit ihrem Ehemann teilte.

"Weshalb hast du es uns nicht erzählt?" Es war keine väterliche Enttäuschung, es war die eines Freundes, der die neueste Entwicklung im Leben einer Freundin über andere erfahren musste. Verärgert über Gregs Verrat versuchte Jamie sich herauszuwinden: "Dad, ich wollte es euch erzählen, ehrlich!", hoffentlich klang es auch aufrichtig, "Nur, erst wenn ich mir sicher sein konnte, und es ernst werden würde. Aber Daddy, das war das erste Treffen, ich wollte mir keinen Druck machen."

"Keinen Druck! Du dachtest, wir würden dich unter Druck setzen?", hakte Paul mit hörbar verstimmter Laune nach. In dem Moment griff ihre Mutter ungeduldig nach dem Hörer: "Ist doch egal, Paul, Also wie war's Jamie?"

"Mom! Es war nur ein Treffen, nicht mehr!", anschließend versprach sie, künftig ehrlicher mit ihnen zu sein.

Wenige Tage danach, stellte sie ihre Ehrlichkeit unter Beweis, als ein Briefumschlag von Greg in ihrem Postfach lag, mit einem USB-Stick darin und eine kitschige rosa Rose. Mein Gott, sie kannten sich seit weniger als einer Woche. Mochte er von welcher alten Schule auch immer stammen, aber das war viel zu verfrüht für solche Aktionen! Überrumpelt betrachtete Jamie die Blume, die im Umschlag etwas flach gedrückt wurde und rief gleich ihren Dad an. "Ich sollte ehrlich sein?"

"Ich bitte darum!"

"Greg hat mir einen Brief mit einem USB-Stick voll mit Musik geschickt und einer Rose darin.", erzählte Jamie es ihm.

Paul räusperte sich: "Jamie?"

"Ja, Dad?"

"In Zukunft, sei ehrlich zu mir, aber diese kitschigen Details lass bitte aus, versprochen?"
20.6.17 20:32
 
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