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Fortsetzung: Auf dem falschen Weg

2014

Jamie hatte mit Adam Mullroy einen Treffpunkt ausgemacht, der womöglich etwas ungewöhnlich war für ein Date. Umso eher rechnete sie sich Chancen aus, dass dieser Adam von ihr schnell Abstand nehmen wollen könnte. Früher, in ihren Studienjahren war sie öfter mit ihrem Adam über den Friedhof spaziert. Ihr Adam, nein, das war ja auch falsch. Dieser Adam ließ sich von Jamies Idee aber nicht sonderlich abschrecken und so trafen sie sich am folgenden Tag auf dem Friedhof. Die Ruhe war fast ohrenbetäubend und leichtfüßig ging Jamie neben Adam auf den kiesigen Steinweg, wobei die Dämmerung die Grasgrenze verschwimmen ließ und nicht nur die. Ein seltsames Gefühl des Wiedererlebten holte Jamie ein, also mühte sie sich zwanghaft um ein Gespräch.

"Wie geht's Ihnen, Adam?", fragte sie höflich, während sie an Familiengräbern vorbeigingen und unter einer dunklen Baumallee hinab tauchten.

"Gut, danke danke. Und Ihnen, Jamie?"

"Ebenso."

Schweigend gingen sie ein Stück durch die Dunkelheit, als Adam plötzlich fragte: "Würden Sie mir eventuell ein Problem abnehmen?"

"Ähm... ich kann es versuchen.", schlug Jamie ahnungslos vor.

"Nun, wie Sie wissen, bin ich der Chef des Konzerns, in welchem Ihr Bekannter eine befristete Beschäftigung hat.", begann er ernst. Jamie schluckte. Das klag nach Entlassung.

"Ja, und Luke ist in äußerstem Maße zufrieden. Und ich versichere Ihnen, dass es keinen fleißigeren, emsigeren, zuverlässigeren Mitarbeiter gibt als...", das war vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Sie hörte sein Giggeln neben sich.

"Das weiß ich auch, glauben Sie mir!", fuhr er fort. "Daher würde ich ihm ja gerne eine unbefristete Stelle anbieten, würden Sie mir dabei helfen? Also wollen Sie es ihm sagen?"

In Schockstarre war Jamie stehen geblieben und sah Adams Schatten vor sich ein wenig weiterschlendern. "Wirklich?", fragte sie und Adam hatte erst dann festgestellt, dass Jamie nicht mehr neben ihm herging. "Aber klar!", rief er zurück. Jamie fiel ihm förmlich um den Hals.

"Oh, vielen, vielen, vielen Dank Adam! Das bedeutet ihm sicher so viel!"
Adam strich ihr an der Wange entlang und hob ihr Kinn an. Mit Adam auf dem Friedhof, wie früher und doch nicht so wie früher. Er beugte sich vor und ihre Lippen waren nicht mehr weit von ihren entfernt. Da machte Jamie einen Rückzieher. "Hören Sie Adam, ich bin keins dieser Mädchen!", ihre Augen verengten sich, um seine Konturen besser ausmachen zu können.

"Was für ein Mädchen?", die Frage klang wie überflüssiger Spott in ihren Ohren.

"Dass vorgeschickt wird, um einem Freund einen Job zu besorgen auf jede schmutzige Art und Weise.", sie biss dabei ihre Zähne zusammen, um ihn nicht anzufallen, insbesondere nicht auf einem Friedhof.

"Jamie, ich bin enttäuscht, dass Sie glauben, dass ich derartiges von Ihnen denke. Ihr Bekannter bekommt den Vertrag nicht Ihretwegen, sondern weil er schwer dafür gearbeitet hat. Und von Ihnen erwarte ich dafür keine dankbare Gegenleistung!", verteidigte er sich.

"Oh.", peinlich berührt rieb Jamie die Hände gegeneinander.

"Ja, oh!", wiederholte Adam gereizt und stolzierte weiter. Jamie holte ihn ein. Sie verließen die dunkle Baumallee und fahles Licht traf sein Gesicht. Er wirkte wie ein Schimpansenbaby, das auf den Arm genommen werden wollte. Dieses Mal entschloss sie sich die Wahrheit für sich zu behalten. Auch wenn ihr erstes Treffen sie ihrem Aplomb schuldete, sie hatte zu oft Männer mit ihren verniedlichenden und entmannenden Vergleichen verscheucht. Sei es Killian, der in die Weltgeschichte als plüschiger Pandabär einging, Jason- der Koboldmaki oder eine Jugendliebe, welche längst verheiratet war: Miles, der katholische Klosterschüler. Nein, dieses Mal würde sie es hinunterschlucken. Adam blickte auf sie hinunter und es fuhr ihr kalt den Rücken runter. Sie wies auf eine Bank in ihrer unmittelbaren Nähe, sie müsste zu einer Notlüge greifen, koste es, was es wolle.


2000

Über Jahre besuchte Jamie die Tanzschule, weil ihre Mutter darauf bestand, dass sie einen ordentlichen Walzer auf das Parkett bringen konnte. Dort lernte sie Clive kennen. Clive war ein Jahr jünger als Jamie, allerdings war Jamie mit ihren knapp 16 Jahren auch alles andere als erwachsen, sodass die beiden sich gut verstanden und die Pausen zwischen den Tänzen auch herumalberten. Damals war Jamie eine recht schwer führbare Dame, die sich liebend gerne gegen die von Clive erwünschten Drehungen aufbegehrte. Das störte Clive nun aber nicht sonderlich. Er mochte Jamie und ein Jahr lang hielt er es schließlich mit ihr aus. Ein Jahr lang, bis er ihr nach 8 Monaten das
Geständnis machte, bald ein Austauschjahr in Amerika verbringen zu wollen.
Für Clive hatte Jamie das gleiche übrig wie für ihre Cousins, also umarmte sie ihn und stellte mit einem melancholischen Auge fest, dass sie dann ja nicht mehr tanzen würden. Die letzten zwei Monate vergingen wie im Flug bis der Tag angerückt war, an dem sie das letzte Mal tanzen würden. Die Pause an dem Tag ging eher schleppend dahin. Im Bewusstsein hatte Jamie nur wie ein Damoklesschwert über sich schweben, dass innerhalb eines Jahres sie ihn heute zuletzt sehen würde. Oberflächlich freute sie sich aber für ihn, wie es sich eben auch gehörte für eine gute Freundin. Schließlich war es halb acht und die Lehrer klatschten in die Hände: "Saison-Ende, ihr Lieben! Bis zum nächsten Kurs!"

Unschlüssig standen die beiden nun voreinander. Jamie hasste Abschiede, es fielen dabei pathetische Sätze, Versprechen, die nie gehalten wurden und die Umarmungen waren für ihren Geschmack zu triefend. Während Jamie also darauf wartete, dass ihre Mutter endlich anfuhr, leistete Clive ihr Gesellschaft und kickte einen Kiesel vor sich her.

"Jamie?", fragte Clive schließlich.

"Hm...", na toll, es fängt an, dachte sie. Jamie zwang sich ihn nicht anzusehen und dem Verabschiedungsritus zum Opfer zu fallen. "Jamie, versprichst du...würdest du...", Clive kramte einen Zettel aus seiner Tasche und reichte ihn ihr. Seine E-Mail-Adresse war in großen Buchstaben darauf geschrieben, sie konnte nur erahnen, wie viele Zettel er beschrieben hatte, ehe ihm seine Schrift zusagte. "Würdest du mir schreiben?", platzte es endlich aus ihm heraus.

Das war so unschuldig, dass sie gerührt den Zettel in ihre Hosentasche steckte und ehrlich "Ja, werde ich Clive.", versprach. Sie umarmte ihn dann doch, natürlich wieder etwas zu triefend, sodass er sich zu ihr hinunter beugte, in der Hoffnung, sie würde es erwidern. Aber Jamie drehte sich weg, winkte ihm ein "Bye, viel Spaß dann entgegen." und rannte auf das herbeifahrende Auto in der Einfahrt zu.

Natürlich hatte Jamie den Zettel innerhalb von drei Tagen verloren, sodass sie Clive nie geschrieben hatte. Jahre später traf sie ihn wieder auf dem Bahnhof in Heavensrain. Er hatte sie stets um anderthalb Köpfe überragt, daran hatte sich nichts geändert, aber er wirkte viel lockerer und gelöster. Seinen strengen Pullunder hatte er gegen ein Pink Floyd T-Shirt eingetauscht. An seinem rechten Handgelenk erkannte Jamie Festival-Bänder und Bartstoppeln ließen ihn wesentlich älter wirken. Sie setzten sich in ein Café nahe der Gleise, sodass der schnell hinrennen konnte, dessen Zug eher kam. Die Zeit füllte Jamie aus mit Anekdoten aus ihrem Uni-Alltag und Clive ergänzte sie mit seinem.

"Oh man, entschuldige", Jamie wischte sich vergnügt Lachtränen weg.

"Ich wollte dich gar nicht so zulabern!"

"Tust du nicht!", versicherte Clive ihr. "Ich hatte dir immer gespannt zugehört." Erwartungsvoll hatte er sie angesehen und Jamie war unendlich dankbar, dass ihr Zug vorfuhr und sie wieder wegrennen konnte.


2014

"Sehen Sie, Adam", Jamie holte tief Luft, es musste eine glaubhafte Notlüge sein. "Ich bin gerade aus einer ziemlich intensiven Beziehung raus.", gerade konnte auch ein Jahr bedeuten. Gut, es war
gelogen.

"Also, ich bin geschmeichelt von Ihren Avancen, dennoch ich bin noch nicht so weit. Daher sehe ich solche Annäherungsversuche wohl auch im falschen Licht.", betrübt sah sie auf ihre Hände. Den Oscar hätte sie mindestens verdient.

"Das müssen Sie entschuldigen. Ich bin nicht soweit. Ich...", dramaturgische Pause auf der Klimax, "Ich kann unmöglich von Ihnen erwarten, dass Sie auf mich warten." Ein Akt der Selbstlosigkeit, das war gar nicht so übel. Und Adam schien, soweit Jamie es in der Dunkelheit erkennen konnte, nicht gekränkt. Nichtsdestotrotz drängte sich ein Schuldgefühl auf, dereinst hatte sie einem Mann gesagt, er erinnere sie an einen ihrer Freunde, sodass sie nichts mit ihm anfangen könne. Niemals danach benutzte sie diese Ausrede. Der arme Kerl lag die Nacht lang wach und grübelte darüber, ob es der wahrhaftige Grund zu ihrer Absage hatte sein können.

Ein Bauchgrummeln wies sie allerdings darauf hin, dass sie Buße tun wollte: "Wenn Sie da Zeit haben, meine Eltern veranstalten alljährlich eine Sommerdinnerparty. Ich würde Sie da herzlich dazu einladen, als Kumpel!", sie stieß ihn kumpelhaft an der Schulter, merkte, dass es zu viel des Guten war und setzte sich aufrecht hin. Aber ja, Adam sah dem freudig entgegen, als Kumpel.

Zu Beginn von Tolstois Anna Karenina hieß es „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ So ähnlich hielt Jamie es gewöhnlich mit Hochzeiten: alle Hochzeiten glichen einander, aber Scheidungen unterschieden sich auf die ihnen eigene Art und Weise. Bis zu jenem Tag als sie Lillys Hochzeit besucht hatte, war der Grundsatz recht fest in ihr angelegt. Unbestreitbar war jedoch, dass es gewisse universale Aspekte gab, die die Austauschbarkeit unterstrichen.
Julianne und Travis hatten einen riesigen Saal in einem Hotel gebucht, der des Öfteren Bälle ausrichtete, etwa in der Größenordnung befand sich auch die Hochzeitsgesellschaft. Schon am Eingang befand sich eines der Blumengestecke, bestehend aus perfekten weißen Rosen und Lilien. Auf den weißen Tischen standen kleine Kopien desselben und die Platzkarten, auf denen der Name des entsprechenden Gastes in erlesener Kalligrafie umgeben von Goldarabesken war, lag auf einem Gazesäckchen, in dem die üblichen Mitbringsel enthalten waren.
Jamie sah erst Mort. In den Jahren hatte er sich kaum verändert und im Anzug wirkte er weniger ernst, als belustigt. Travis begrüßte jeden Gast herzlich und hielt einen kurzen Plausch. Er wirkte glücklich, zutiefst zufrieden.
Auf Julianne erhaschte Jamie erst einen Blick, als sie von ihrem Vater zum Altar geführt wurde. Sie trug einen fließenden Stoff, ein Kleid ohne Brimborium, in welchem sie umso schöner strahlte. Bei ihrem Anblick konnte sie wirklich Tränen in den Augen sehen. Ihre Gelübde waren scheinbar abgesprochen. Sie trugen abwechselnd Walt Whitman vor:

"I give you my hand!

I give you my love more precious than money,

I give you myself before preaching or law;

Will you give me yourself? will you come travel with me?

Shall we stick by each other as long as we live? "

Jamie erinnerte sich an Travis Vorliebe für ältere Filme und das musste sicher aus Love Story stammen. Dennoch entschloss sie sich, darüber hinweg zu sehen. Immerhin trugen sie nicht den siebten Korynther zum Besten.

Nach der Trauung unterhielt sie sich noch kurz mit Mort. Der hatte sein eigenes Geschäft aufgebaut und stolz wies er auf eine Frau im Hintergrund in einem himmelblauen Kleid, die ihnen schüchtern zuwinkte.

"Linda.". Jamie klopfte ihm beglückwünschend auf die Schulter. "Und bei dir, Miss Literaturpreis?", stupste Mort sie fröhlich an. Es war Travs feierlicher Tag, und ehe sie vor ihrem ehemaligen Mitbewohner die vergangenen Jahre zusammen fassen sollte, meinte sie nur knapp:
"Japs, den strebe ich an. Sonst gibt es aber nichts spannendes."

Daraufhin folgten die Hochzeitsreden. Die der ersten Brautjungfer, eine deutlich ältere, gesetzte Frau, empfand Jamie als recht unkreativ und endete mit einem Witz auf Kosten der Braut:
" It can be said that a bride’s attitude towards her betrothed can be summed up by three words associated with weddings: Aisle, altar, hymn. Versteht ihr: I'll alter him- Ich ändere ihn."

Schenkelklopfer, Jamie verdrehte die Augen und sah Julianne wenigstens lachen. Mort hingegen hielt eine rührende Ansprache, bei welcher der gesamte Saal in bewegtes Schweigen verfiel. Mort endete in seinem gewohnten Humor: "Julianne, Travis, ich habe mir genau durchgelesen, welche Pflichten ich habe als Trauzeuge. Und ich bin gewillt, diese auch ernst zu nehmen. Als meine Pflicht gilt es nun, immer wieder zu überprüfen, ob ihr die ehelichen Pflichten einhaltet. Also rechnet mit unangekündigten Besuchen.", er hob seine Augenbraue und griff sich ans Revers. Damit war die Melancholie aus dem Raum gewischt.


2010

Den Tag über erhielt Jamie SMSen von Travis. Es war ein Tag der Doppelschichten. Es war geschehen, noch längst bevor Mort Elizas Stammkunde wurde. Er fragte sie, ob er nicht vorbeikommen könne, weil ihm etwas auf dem Herzen läge, was er mit ihr unbedingt besprechen wollte. Sie dachte daran, dass sie heute noch bis vier Uhr nachmittags bei Eliza arbeiten würde und dann gleich zum Kiss fahren müsste, um Inventur zu machen und schweigend neben Killian zu arbeiten.
Dabei wollte sie heute doch nichts anderes, als sich am Ende des Tages, und der würde heute erst um elf enden, mit ihrem Laptop ins Bett zu setzen und zu schreiben. Sie tröstete Travis hinweg, wollte ihn nicht direkt sagen, dass sie ihn nicht bei sich zuhause haben wollte, schob es auf die Arbeit, die Erschöpfung. Sie wäre auch bereit gewesen zu telefonieren, aber Besuch empfangen... Sie massierte sich den Nacken, der verspannt Signale sendete.

"Nach elf bin ich zuhause. Aber ehrlich Trav, ich weiß nicht, worum es geht, ich werde sehr müde sein, daher wäre es mir nicht so lieb.". Eigentlich rechnete Jamie damit, dass das genügen würde, um Travis von einem Besuch abzuhalten. Da rechnete Jamie aber nicht mit seiner obstinaten Art. Als sie die Auffahrt zu ihrem Apartment hochging erkannte sie eine kauernde Gestalt vor der Tür.

Die Erschöpfung war einem unbeschreiblichen Unwohlsein gewichen, sie ging weiter und sah Travis ihr zunicken. Nachdenklich stand er auf, sich wohl der Tatsache nicht bewusst, dass er unerwünscht war und Jamie sein Erscheinen damit als absolut fehl am Platz empfand.

"Ähm...tut mir leid, dass ich immer so nerve.", nahm er voraus und Jamie antwortete gereizt: "Aber nicht doch!", Marley hätte den Unterton gehört.

Er nahm bei ihr auf dem Stuhl Platz, nachdem sie einen Berg an Kleidung davon weggeräumt hatte, den sie in den vergangenen Tagen nicht hatte waschen können. Es war unordentlich, aber Jamie hatte keine Lust , sich dafür zu entschuldigen, insbesondere, wenn ihr Gegenüber ein ungebetener Gast war.

"Weißt du, Jamie, ich wollte dir nur sagen, dass ich nicht damit umgehen kann, wenn du mir etwas zusagst, und mich dann versetzt.", fing er an.
"Trav, tut mir leid, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst!", schnauzte sie ihn an und massierte wieder ihre Schulter.

Travis schien kurz zu überlegen, ob sie es ehrlich meinte, oder sich dummstellte, entschied sich aber offenbar für ersteres. "Als du ausgezogen bist, da hast du versprochen, dich zu melden, das hast du nie. Ich bin es leid, derjenige zu sein, der dir hinterherrennt.", weinerlich knetete er die Hände zusammen und Jamie war gespalten zwischen dem Drang ihn zu ohrfeigen und ihn mütterlich in den Arm zu nehmen.

"Naja und dann, letzte Woche, als ich im Kiss war, da meintest du, dass du das Wochenende Zeit hättest, aber du hast dich nicht gemeldet. Und ich verstehe nicht, weshalb du mich am laufenden Band versetzt!"

Der Vorwurf saß und hatte sie an ihrer empfindlichen Stelle getroffen. Das schlechte Gewissen wand sich in ihr wie ein überdimensionaler Bandwurm.

"Ähmm...Trav, es tut mir leid, wenn es falsch bei dir ankam! Nur, zum einen, das waren recht lose Zusagen, so gesehen hab ich dich nie versetzt! Zum anderen waren da aber viele Schichten zu arbeiten.", nach seinem ungläubigen Ausdruck begann sie rechtfertigend aufzuzählen:
"Montags bis freitags bei Eliza, meist bis 4, an den Wochenenden meistens Kiss und hin und wieder in der Woche Abendschichten. Trav, ich hab gerade viel zu tun, es ist dann auch keine böse Absicht!"

"Ich weiß ja, ich weiß!", überrascht von ihrem Arbeitspensum lehnte er sich ein wenig vor.

"Was kommst du dann auf diese Gedanken?", das Gewissen war nun untergründig, die Wut war stärker.

"Ich hatte eben die Bekanntschaft mit Mädels gemacht, die Männer ausnutzen....", fassungslos starrte Jamie ihn an, "nicht dass du so bist, aber diese Befürchtung ist eben da.". Das klang irgendwie halbherzig dahingesagt. Aber sie war zu müde, um auf die Feinheiten zu achten.

"Es ist nur eben so... ", begann er von neuem und Jamie widerstand dem Drang, mit den Augen zu rollen, "Es enttäuscht mich, verstehst du?", er blickte sehr niedergeschlagen drein. Lieber vorher verletzen, als falsche Hoffnungen machen und später noch mehr verletzen, oder?

"Ich kann mich nur wiederholen, das ist keine böse Absicht.", meinte sie gereizt.

"Weißt du, es ist nur so, dass du so nett zu mir warst. Und ich kannte dich ja kaum, ich wusste ja nicht, dass du zu allen so bist.", erläuterte er ungebeten weiter und in Jamies Ohren klang diese Feststellung nicht wie ein Kompliment, sondern eine unverfrorene Beleidigung.

"Herr Gott, ich bin zu jedem nett, weil.. weil ich nun einmal zu jedem nett BIN.", pampte Jamie ihn an.

"Das weiß ich nun auch.", zischte er zurück.

"Hör mal, ich weiß recht gut, wie es ist, sich falsche Hoffnungen zu machen, und das will ich für andere nicht!", erklärte Jamie sich.

"Da wollte ich mit dir auch mal drüber reden.", schaltete Travis sich ein.
Ein wenig vor den Kopf gestoßen fragte Jamie baff: "Worüber genau?"

"Na, die Erfahrungen, die du da gemacht hast. Jamie, ich will dich kennenlernen und besser verstehen und da interessieren mich auch diese Erfahrungen.", erklärte er ehrlich.

Peinlich berührt strich sie sich eine Strähne hinter ihr Ohr: "Das geht nicht. Nimm es mir nicht übel, aber ich bin froh, dass es in der Vergangenheit liegt und abgeschlossen ist. Ich will da nicht drüber reden!", außerdem wollte sie ihr gesamtes Männerleben nicht vor dem Mann ausrollen, der in sie offenkundig verliebt war, das schien ihr ein großes, irreversibler Fehler zu sein.

Langsam nickte er: "Hmmm, okay."

"Beruhigt?", fragte Jamie nach einer Pause.

"Ja.", atmete er erleichtert aus.

"Fein.", sie wusste, dass keine halbe Stunde vergangen war, aber sie wollte ihn eigentlich rausschmeißen, geschweige denn davon, dass sie ihn gar nicht erst hier haben wollte. Gewöhnlich wusste ein Gegenüber, dass eine längere Pause gleich einem Hinauskomplimentieren zu setzen war. Wieder überschätzte sie Travis Feingefühl.

"Mich hat schon immer interessiert, ob wir gleich gut im Poker sind.", schlug er fröhlich vor. Verblüfft blinzelte sie ihm entgegen. Das war das letzte, was sie erwartet hatte.

"Ähmm... Trav, hör mal, morgen früh bin ich wieder bei Eliza. Ich kann nicht....entschuldige...", demonstrativ reckte sie sich.

Verständnisvoll nickte er und fuhr nach Hause. Eine knappe halbe Stunde später entschuldigte er sich wortreich per SMS dafür, dass er vielleicht manchmal auf die Nerven ging, aber er sei eben so gestrickt und er könne eben nichts daran ändern, dass sie ihm viel bedeutete. Jamie griff mit schwacher Hand nach dem Handy und schrieb nur zurück, dass es ja okay war, nur, dass sie ihm nicht unnötig Hoffnung machen wolle, weil er für sie nur ein Freund war und NICHT mehr. Allerdings schätzte sie erneut seine Sturheit falsch ein.


2014

Jamie saß vor ihrem perlenden Glas Sekt. Der Abend zog in glücklicher Leutseligkeit an ihr vorbei und ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass sie bald zum Bahnhof gehen könnte und der letzte Zug sie Heim fahren würde. Am liebsten hätte sie einen Schlender durch Oxford genommen und vor dem Fenster ihrer alten WG gestanden, aus purer Sentimentalität heraus. Nur was hätte es genutzt? Sie wohnte nun seit vier Jahren nicht mehr dort und die WG wurde nun von drei ihr vollkommen Fremden bewohnt.

Stattdessen sah sie, wie Travis seine frisch angetraute Ehefrau überglücklich in seinem Arm wiegte, wie Mort und Linda am anderen Tisch Karten spielten und lachten. Jamie trank den letzten Rest, als sich Julianne plötzlich neben sie setzte. Ihr blondes Haar war mit zwei Zöpfen geschickt hochgeflochten und darin waren Enzianblüten verteilt. Ihre Augen hatten etwas erfrischend Ehrliches und nun erst sah Jamie, wie viele Sommersprossen sich um ihre dünne Nase tummelten und sie so jung erscheinen ließen. "Jamie, richtig?"

Irritiert nickte Jamie. "Willst du schon gehen, Jamie?"

Wieder nickte sie.

"Jamie, bevor du gehst.", Julianne räusperte sich. Sie sagte ihren Namen entschieden zu oft. "Ich wollte dir danken."
Schwupps, war Jamie wach und nüchtern. "Wofür?"

Julianne bleckte sich die Lippen: "Jamie, ich weiß, wer du bist. Ich weiß, dass du mit den Jungs gewohnt hast und dass Travis sich mal in dich verliebt hatte.", fasste sie das Jahr in Oxford in aller Kürze zusammen und machte Jamie sprachlos. "Mort.", antwortete Julianne auf die ungestellte Frage mit einem Kopfnicken in Richtung Trauzeugen.

"Versteh mich nicht falsch, das ist nicht zynisch, eifersüchtig oder schadenfroh, dass ich den Mann bekommen hab und nicht du. Wobei ", sie kicherte, "Ich bin natürlich sehr froh, dass ich ihn bekommen hab!", sie berührte den schlichten goldenen Ring an ihrem Finger.

"Ich bin dir wirklich, wirklich dankbar .", sie tätschelte Jamies Hand, die noch immer gebannt zuhörte. "Ich danke dir, dass du ihm damals einen Korb gegeben hast, und das sogar immer wieder, Travis kann wirklich stur sein. Auf diese Weise hast du den Weg für mich und mein Glück frei gemacht.", Julianne biss sich auf ihre Unterlippe, sie konnte sichtlich platzen vor Glück. "Ohne dich wäre das alles heute niemals möglich gewesen."

"Da nicht für!", tat Jamie es ab, aber Julianne umarmte sie von Herzen. So hatte Jamie es nie gesehen, durch einen Korb hat sie ein anderes Happy-End herbeigeführt. Irgendwie fühlte sich das richtig an.

Zum Abschied umarmte sie Mort, sagte Linda, dass es schön wäre, sie näher kennen zu lernen, wünschte Travis von Herzen alles Gute und als Julianne an der Reihe war, versprach sie ihr, die Seymours öfter zu besuchen. "Es war mir eine Ehre dich kennen zu lernen, Jamie Aberdeen!", flüsterte Julianne ihr zum Abschied zu.

Und schon saß Jamie auch im Zug nach Hause. Vielleicht waren die Hochzeiten sich untereinander alle ähnlich, aber einige feine Unterschiede gab es dann doch, seien es die unterschiedlichen Schicksale der Paare, die stereotyperweise immer vertreten waren oder die Geschichten der von außen kommenden Gäste, die wie Cinderella den Ball vorzeitig verließen.
23.6.17 23:06
 
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