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Zerbrechendes Wunschglas

Im Zug lehnte Jamie sich gegen das Fenster, das das hell erleuchtete Oxford hinter ihr ließ. Müde schloss sie ihre Augen und ließ den Abend Revue passieren. Ihre ehemaligen Nerd-Mitbewohner waren glückliche, gestandene Männer geworden.

Dennoch war Jamie fest davon überzeugt, dass der liebenswerte Computerfreak von damals in Mort noch immer enthalten war und er in seinem Schrank unter Garantie noch das alte, verwaschene Star-Wars-T-Shirt liegen würde, das er manchmal mit der Erlaubnis seiner Freundin überstreifte. Leider wäre es unangemessen, das Versprechen Linda kennenzulernen, einzulösen, um während des Treffens in das Schlafzimmer zu schleichen und nach dem Shirt zu suchen, nur um eine Wette mit sich selbst zu gewinnen.

Allerdings hatte sie die Neugier gepackt. Die Einrichtung der Seymours würde vermutlich Juliannes Handschrift tragen. Seltsam- die Seymours, es klang wie eine 80er Jahre Soap. Aber Travis war nun gereift und somit wäre es auch seine Handschrift.
Versunken in Einrichtungsfantasien merkte Jamie nicht, wie die letzten Lichter der größeren Städte in Dunkelheit getaucht wurden, bis der Zug nahezu lautlos durch die Nacht fuhr. Unbequem schlug ihr Kopf rhythmisch gegen die Scheibe, aber sie störte sich in ihrem Schlaf nicht sonderlich daran.

Ebenso bemerkte sie nicht, wie vereinzelt der umliegenden Städte aufleuchteten, bis sie schließlich Heavensrain erreichten. Dabei verpasste Jamie den letzten Ausblick, ein Meer aus Lichtern, als würde sie um einen geschmückten Tannenbaum fahren im Sommer. Ein Betrunkener, von dem beißender Vodkageruch ausging, rüttelte unsanft an ihrer Schulter.

"Lady, wir sin' dwaaa...", säuselte er und stapfte davon, ehe Jamie es mit der Angst bekommen konnte.

Heavensrain war seit mehr als zehn Jahren die Stadt, in der sie
lebte, mit kleineren Pausen zwischendrin. Jamie kannte nun sämtliche Ecken und Eigenarten der Stadt, war jede Straße und Gasse abgegangen, entdeckte einfach keine Neuerung mehr. Heavensrain begann sie zu langweilen, obwohl sie sich vor 3 Jahren dafür entschieden hatte, hier zu leben. Nachts hatte diese Stadt aber ein gänzlich anderes Gesicht. Es war verschlafen und wirkte irgendwie heilig, nicht anrührbar. Es war schon drei Uhr morgens, als Jamie an dösenden Taxifahrern vorbeiging. Dereinst, vor vielen, vielen Jahren, als Luke Jamie besucht hatte und sie gemeinsam gegen 1 Uhr nachts an lallenden Betrunkenen auf der Partymeile vorbeigingen, fragte Luke sie besorgt, ob sie öfter nachts allein unterwegs war. Daraufhin hatte sie ihm versprochen, bei solcherlei Alleingängen zumindest ein Taxi zu nehmen. Aber die Nacht war so schön und roch nach, wonach eigentlich?

Es war kalter Seewind, der um ihre Schultern strich und ihre Haare durcheinander brachte. Obgleich sie nun fror oder nicht, beim Blick auf die erleuchtete Hauptstraße, die sich golden vor ihr ausbreitete, entschied sie sich dagegen, einen der Zeitung lesenden oder schlafenden Fahrer zu behelligen.
In wenigen Stunden würde sie Luke sehen und ihm die Botschaft des Vertrages überbringen, ihm versichern, dass er ihn sich verdient hatte und sie damit nichts zu tun hatte. Dabei würde sie ihm verschweigen, dass sie einen kleinen Nachtspaziergang genommen hatte.


2012

Die Wohnung in Heavensrain war nun nahezu vollständig eingerichtet. Die Kisten, an denen Jamie sich andauernd den Zeh stieß, waren nun endlich ausgeräumt, sodass zumindest alle angesammelten Teller, Tassen und Gläser ihren Platz gefunden haben. Jamie hatte das Licht im Wohnzimmer gedimmt und im Hintergrund lief Radio. In den letzten Pappbechern, die Jamie von ihrer Abschiedsfeier in Oxford hatte, goss Jamie stilecht Dornfelder und Rum ein und stieß mit ihren beiden besten Freunden an.

"Auf Heavensrain!", prostete Jamie den beiden zu.

"Auf uns.", pflichtete Luke bei.

"Darauf, dass wir nie wieder so jung zusammen kommen.", hob Marley ihr Glas an und Luke und Jamie wechselten einen kurzen Blick, ehe Marley in schallendes Gelächter ausbrach. "Na es stimmt doch, so jung werden wir nie wieder zusammenkommen. In dieser Sekunde, in der ich das gerade ausspreche, sind wir schon älter, als ich den Toast gesprochen habe.", kicherte sie und nahm einen Schluck Dornfelder.

Selig lehnte sich Jamie zurück und betrachtete Luke und Marley in dem angenehmen Chaos. Auf dem Sofa stapelten sich drei Decken, für welche Jamie noch keinen Platz gefunden hatte und mit einem unkoordinierten Sprung, bei welchem sie fast, aber nur fast umgeknickt war, nahm sie sich die Sofakissen und die Gardinenstangen, die noch nicht angebracht waren und hantierte damit herum.

"Hast du 'ne Ahnung, was sie da macht?", flüsterte Marley unüberhörbar Luke zu, welcher als Antwort nur seinen Rum leerte.

"Ihr könnt mir gerne helfen.", rief Jamie den anderen beiden zu. Widerwillig standen sie auf. "Was bauen wir denn?", er faltete die Hände zusammen und knackte mit den Knöcheln.

"Sieht man das nicht? Ein Fort!", kicherte Jamie. Manchmal bestand eine Freundschaft genau darin: dem anderen zu helfen, bei einer vollständig sinnfreien Aktion wie der, ein Fort aus Decken, Kissen und Gardinenstangen zu bauen, welches provisorisch mit den Resten Paketband geschnürt wurde und recht wackelig über ihnen aussah, als sie sich zu dritt darunter legten.

Jamie griff nach der Weinflasche und genehmigte sich einen Schluck. "Wann habt ihr das letzte Mal so einen Unsinn gemacht?", fragte Marley neugierig und gähnte gegen ihre Willkommensfreude an.

Mit den Fingern zwirbelte Jamie an ihrem Kinn und legte die grüne Flasche in ihrem Schneidersitz ab, Marley rollte sich auf den Bauch und stütze sich auf ihren Unterarmen ab. Müde legte Jamie ihr die Flasche vor die Arme, ließ sich nach hinten fallen und murmelte:

"Keine Ahnung!"

"2008", antwortete Luke nach einer Weile, er hatte sich komfortabel gegen eine Sofakissenwand gebettet.

Die Arme hinter den Kopf verschränkend suchte Jamie im Nebel nach der Erinnerung dessen, was er im Sinn hatte. Es kam ihr durchaus länger vor, und ja es konnte angehen, dass es nun 4 Jahre zurück liegt. "Hmm?", murmelte Jamie ihm entgegen.

Beantwortend tätschelte er flapsig ihren Kopf: "Nach deinem legendären Freddie vs. Jason Abend!"

Und nun saß Jamie wieder aufrecht:"Du erinnerst du dich daran?"
Mit einem breiten Grinsen beugte er sich vor: "Wer würde das vergessen können?"

Aber er hatte recht, es war 2008. Mit Interesse hatte Marley den kurzen Schlagabtausch verfolgt, bis sie endlich zu fragen wagte: "Und was war nun 2008?"

Errötend erzählte Jamie, dass sie Luke damals nach dem Abschluss in Heavensrain über ein Wochenende besucht hatte mit einer ungeöffneten Vodkaflasche im Gepäck.

"Nein, nein, nein, nein, nein! Versteh mich nicht falsch.", korrigierte Jamie den eindeutig zweideutigen Ausdruck in Marleys Gesicht.

"Wir waren bloß bei...bei...", sie schnipste mit dem Finger und hilfesuchend sah sie wieder zu Luke, "Wie hieß er noch gleich?"

"Ryan", warf Luke ein und kurz schien Jamie es so, als würde sein Grinsen immer breiter werden.

"Willst du es erzählen?", bat Jamie ihn, aber Luke gab lieber ihr den Vortritt.

"Gut, der liebe Ryan", dabei sah sie sich versichernd zu Luke zurück, "Hatte eine größere Studentenbude. Also waren wir da Kartenspielen mit einer Menge Alkohol. Und dummerweise hatte ich eine Weile Abstinenz, daher wurde mir ziemlich schnell ziemlich schlecht.", untermalend lachte Luke nun in sich hinein, "na jedenfalls bin ich dann immer wieder raus gegangen, weil ich dachte, ich müsste mich übergeben.
Ryan, der zuvor noch mit mir gefüßelt hatte, kam mit raus, umarmte mich und flüsterte mir zu, dass er mich verführen wollte und ich konnte nichts anderes sagen als 'mmm'kay'", sie stoppte die Erzählung und sah Ryan noch vor sich in seinen Hipster-Understatement Jogging-Hosen.

"Und dann?", hibbelte Marley.

"Naja, Luke und ich sind wieder zum Ausnüchtern zu Luke spaziert. Und der liebe Luke hatte damals meine Jacke nicht mitgenommen. Erinnerst du dich an die Woche, in der ich diese herrlich rauchige Scotch-Stimme hatte? Das hab ich alles dem Abend zu verdanken gehabt.", sie stupste Luke dabei an und sich wehrend hob er beide Hände in die Luft: "ich wollte dich , galant wie ich bin, nur vom Ort der Blamage bringen."

"Naja, jedenfalls, am Tag darauf waren wir wieder da und ich war so weit ausgenüchtert, dass ich nicht mehr trinken konnte, aber imstande war klar zu denken. Und der Kerl machte sich immer wieder an mich ran. Er packte mich bei den Schultern, drückte mich an die Wand und starrte mich nur an.", erinnerte sie sich,

"Und ich hab ihn ausgelacht.", lachte sie nun erneut, diesmal schuldbewusst. Als sie sich fing, fuhr Jamie fort: "Naja, er sah leicht beleidigt zu Luke und hat erbost gefragt", dabei blies Jamie sich gespielt auf, "weshalb ich ihn auslache."

"Was hast du geantwortet?", Marley wandte sich Luke zu.

"Denkst du, ich erinner mich dran, es ist sechs Jahre her!", erwiderte er, der selbst der Geschichte gespannt zuhörte.

"Er sagte: 'Weil du es nicht zu Ende bringst, Junge'" , antwortete Jamie für ihn, streckte ihre Beine aus und wackelte mit ihren Zehen.

"Ja, das klingt nach mir.", bestätigte Luke belustigt.

"Irgendwie ließ er sich aber nicht davon abbringen.", erzählte Jamie weiter. "Im Club tanzte er mich an, legte dauernd den Arm um mich und versicherte, bei ihm würde ich alle anderen vergessen. Und nach all den Neins sagte er mir auf den Kopf zu, dass ich mir Luke aus dem Kopf schlagen soll, weil er ja glücklich mit Emily ist.", im Nachhinein klang die Geschichte sogar noch witziger, als zu dem Zeitpunkt als alles passiert war.

"Wie kam er drauf?", Marley war nun wach.

"Ich hab ihm eventuell im Ansatz die Geschichte von Adam erzählt, als ich besoffen am Tag vorher bei ihm war. Alle anderen waren draußen rauchen und ich bin mit ihm in seinem Zimmer geblieben und hab seine Hand genommen, als er mir erzählte, dass sein Herz gebrochen wurde. Er hat mir leid getan!", sie verzog ihren Mund.

"Ich hab ihm dann Adams Namen genannt und ihn stehen lassen.
Das hab ich dann auf dem Nachhauseweg Luke erzählt.", grinste Jamie nun, "Und als ich dir auch erzählt hab, dass ich Ryan damals verbessert habe, warst du gespielt beleidigt, dass du im Vergleich zu Adam nicht verliebenswert warst und dann hast du betrunken gelacht."

Nickend sagte er: "Japp, klingt nach mir."

Marley ließ sich nun kichernd auf den Boden fallen.

"Aber irgendwie bleibt es mir ein Rätsel, dass Ryan so viele Neins kassiert hatte.", fragend sah sie Luke an.

"Könnte daran liegen, dass Ryan auf dich abfuhr, aber auch daran, dass ich ihm die Erlaubnis gegeben hab.", erwiderte er.

Nach sechs Jahren war es eine neue Sichtweise, die sich auftat:

"Du hast ihm ERLAUBT mich abzuschleppen?"

"Was ist schon dabei?"

"Das klingt so, als wäre ich verscherbelt worden wie eine Ware.", ein seltsames Gefühl breitete sich aus.

"Jamie, Mäuschen, du bist erwachsen. Er hat mich gefragt und ich hab ihm genau das gesagt: Wenn sie Ja sagt, meinetwegen.", erzählte er langsam.

"Er hat dich um Erlaubnis gefragt...", murmelte Jamie.

"Und ich hab die Entscheidung letztlich dir überlassen.", meinte Luke. "Und außerdem, wäre es nicht etwa schlimmer, wenn ich es verboten hätte?"

Nach einer Weile krabbelte Jamie zu ihm und legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab: "Hmm...es wäre besser, wenn er gar nicht erst gefragt hätte."

Unter dem gedimmten Licht ihrer Wohnzimmerleuchte und im sinnlos gebauten Fort revidierte Jamie ihren Gedanken- manchmal war genau das Freundschaft: das Vertrauen in den anderen, dass er imstande war die richtigen Entscheidungen zu treffen, sei es auch unter einem sinnfrei gebauten Fort aus Gardinenstangen, Decken und Kissen, welches womöglich in irgendeiner Art doch einen Sinn erfüllte.


2014

Jamie suchte ewig lang nach dem Schlüssel zur Eingangstür. Die Nachbarn im Erdgeschoss hätten davon auch wach werden können. Immerhin entschied sie sich dagegen, das Flurlicht einzuschalten. Das war vermutlich die falsche Entscheidung, bei Licht wäre Jamie bei weitem nicht so oft gestolpert, auf einer Treppenstufe fast abgeknickt oder sich das Knie am Geländer aufgeschrammt. Dabei wohnte sie nicht einmal weit oben.

Weshalb sie es nicht eingeschaltet hatte, war wohl eine Art restalkoholischer Irrglaube, das Flurlicht könnte wie Gammastrahlen die Holztüren durchdringen und ihre Nachbarn würden jäh aus ihrem Schlummer geweckt werden, erbost in den Flur rennen und sie zur Sau machen. Im zweiten Geschoss blieb sie stehen und zupfte an der Palme, die Blätter fühlten sich sehr dünn und verholzt an. Sobald sie wach genug wäre, würde sie sie gießen.

Schließlich kamen ihr im Gang die weiße Tür in Sichtweite, demgegenüber eine blaue, im Halbdunkeln lediglich dunkle Tür in Aussicht und eine Gestalt, die sich wie ein Wachhund vor der Tür zusammen gekauert hatte und schlief. Zerberus, der Hund aus der griechischen Mythologie, hatte drei Köpfe und Jamie stellte ihn sich feuerspeiend vor, allerdings erleuchtete nichts vor der Gestalt.

Stalker hatte sie keine und auch niemand, vor dem sie Angst hatte oder der ihr gefährlich werden könnte. Vorsichtshalber zog Jamie dennoch ihre Schuhe aus und schlich sich auf Zehenspitzen zur Gestalt, die zumindest noch Lebenszeichen von sich gab, weil ihr Rücken sich beim Atmen leicht bewegte. Inständig setzte Jamie alle Hoffnung darauf, nun nicht zu stolpern oder irgendwas quietschendes unter ihren Füßen zu finden. Ihr Mund wurde trocken und sie schluckte gegen ihr pochendes Herz an.

Sollte dieser Jemand doch ein Psychopath sein, würde sie den Hausflur zusammenschreien.

Das Zusammenschreien wäre ihr leichter gefallen, als der gänzliche Verlust ihrer Stimme beim Anblick eines selig schlafenden Adams. Sie hatte ihn einige Male so betrunken erlebt, daher wusste Jamie, dass es kein Problem darstellen würde, einfach über ihn hinweg in ihre Wohnung zu steigen und ihn weiterhin auf ihrer Fußmatte schlafen zu lassen. Unsicher beugte sie sich über ihn, im Schlaf wirkte jeder so herrlich unverfälscht, unschuldig.
'Ach Herr Gott, Jamie!', instruierte sie sich selbst und verpasste sich einen gedanklichen Arschtritt, ' Auch wenn du nun nichts mehr mit ihm zu tun hast, er hat einen Großteil deines Lebens ausgemacht. Und das hat niemand verdient!'

Wieder einmal verfluchte sie ihr anerzogenes Gewissen, strich ihm fürsorglich einige verklebte Strähnen aus dem Gesicht und sanft fasste sie ihn bei der Schulter: "Wach auf, Sonnenschein!", trällerte Jamie.

"Hmpff...grmmmm...", kam seine Antwort. Er hatte es sich selbst ausgesucht, sie hatte ihre Pflicht getan und könnte ihn nun liegen lassen. Trotzdem stand sie weiterhin gebeugt über ihn und versuchte es erneut: "Sonnenschein....Aufstehen!", diesmal flötete sie es direkt in sein Ohr. Er schlug versonnen die Augen auf:

"Wetterwölkchen?", murmelte er.

Überrascht blinzelte sie ihm entgegen, so hatte er sie seit Jahren nicht mehr genannt. Etwas vom alten Adam steckte also noch in ihm. Jamie streckte ihm die Hand entgegen und half ihm auf die Beine.
2.7.17 21:20
 
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