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Fortsetzung: Zerbrechendes Wunschglas

2005

Als Jamie 9 Jahre alt war, bekam sie ein ganz besonderes Geschenk von ihrer Tante Carmen bekommen. Carmen pflanzte in ihrem Garten Beeren und Rosen an, sodass sie für die neunjährige Jamie Rosenmarmelade herstellte. Das Einmachglas beklebte Carmen dann mit einer Figur eines weißen Hasen, der Jamie an 'Alice im Wunderland' erinnern sollte und mit dunkelblauen Nagellack hatte Tante Carmen das Glas mit einem Wort versehen: Wunschglas.

Das Wunschglas hatte Jamie innerhalb kürzester Zeit geleert, sodass ihre Tante es schnell wieder aufzufüllen verpflichtet war. Das Glas hatte Jamie abgewaschen und auf ihr Fensterbrett gestellt, hinter den blickdichten Vorhang, sodass es vor ihrer
Mutter verborgen blieb und zunächst vergessen wurde. Bis ihre Tante Carmen sie erneut besuchte, ihr diesmal eine Rose aus ihrem Garten in einen Topf umgepflanzt hatte und sie auf das Fenster stellen wollte.
Dort stand noch immer das von ihr umgestaltete Einmachglas mit dem weißen Hasen und ihrer Schrift. Gerührt nahm sie es in die Hand und machte Jamie einen Vorschlag: "Lass es uns doch wirklich zu deinem Wunschglas erklären. Immer wenn du einen Wunsch hast, schreibst du ihn auf einen kleinen Zettel und stopfst ihn hier ein."

Die kleine Jamie war vollauf begeistert und tat wie geheißen. Wünsche wie Weltfrieden hatten sich nicht erfüllt, andere wie 'Ich will das Examen bestehen.' wieder doch. Wie man sich denken kann, hatte die Rose nicht lange überlebt, aber das Wunschglas stand noch mehr als zehn Jahre später auf ihrem Fensterbrett in ihrer geliebten kleinen Wohnung in Heavensrain. Jamie hielt noch den Telefonhörer in der Hand, am anderen Ende der Leitung hatte man längst aufgelegt.

In dem Moment fühlte Jamie alles in ihrer Umwelt mit einer Wucht auf sie einfallen. Sie fühlte ihre rissigen Lippen, den kalten Wind, der durch das offene Fenster über ihre nackte Haut am Arm fuhr, die Gänsehaut, die dadurch entstand, nahezu jedes einzelne Haar sich senkrecht aufstellen. Jamie fühlte die verirrten Haare, die sich aus dem locker gebundenen Pferdeschwanz gelöst hatten und nun in ihre Augen stachen und sie hörte neben den zirpenden Grillen dröhnend das Geräusch des aufgelegten Hörers.

Sie fühlte den Klotz im Hals, fühlte die Hitze der Tränen. Und es ging nicht weg. Sie wollte sich fokussieren, sah wieder auf den Ordner in ihrem Schoß und blätterte mechanisch Seite für Seite um, ohne auch nur etwas davon zu behalten. Als sie merkte, dass sie nun zehn Seiten weiter war, griff sie verzweifelt nach dem Hörer. In einem Automatismus wählte sie eine Nummer und hörte die vertraut Stimme, die sie erden sollte.

"Hey Jamie!", grüßte Adam fröhlich. Er war erst seit einem halben Jahr in derselben Stadt wie sie und erst seitdem hatten sie wieder regelmäßig Kontakt.

"Hallo.", Jamie bemühte sich ehrlich um Fassung, aber wie es schien, musste sie aufgelöster geklungen haben, als sie es wahrnahm.

"Was ist passiert?", fragte Adam schon misstrauisch.

"Er hat eine Freundin.", stammelte sie.

"Wer?", fragte er verwirrt.

"Miles"

"Ich komme vorbei.", sagte er sofort und sie konnte hören, wie er nach seinen Schlüsseln suchte und die Tür aufmachte, ehe er sich verabschieden wollte. Das brachte sie wieder zu Bewusstsein:

"Nein, hey, das ist nicht nötig, ich kriege das schon hin.", winkte sie ab.

"Bist du sicher?", fragte Adam besorgt. Am liebsten hätte Jamie nein gesagt, hätte ihm die halbe Stunde Fahrt zu ihr zugemutet, um sich in den Arm nehmen zu lassen. Aber er hatte diese Hausarbeit am Hals und er hatte ein eigenes Leben. "Ja.", sagte sie fest , sie lächelte, dankbar dafür, dass er kompromisslos zu kommen bereit war.

Stattdessen schimpften sie gemeinsam Miles aus und er sagte ihr, was für ein Idiot Miles sei, sie nicht zu wollen, stattdessen aber Christina ihr vorzuziehen.

"Mal ehrlich, würdest du mich wollen?", fragte sie ihn scherzhaft um wiegte nachdrücklich den Kopf zur Seite, was er nicht sehen konnte, was diese Geste unheimlich sinnlos machte.

"Nein, das darf ich doch nicht, irgendwann musste ich mir bei dir die Genfer Konvention auferlegen. Ich darf dich also nicht wollen."

"Die Genfer Konvention?", wiederholte Jamie.

"Njaa...", druckste er herum, "Du musst für mich neutral sein, wie die Schweiz."

Sie lachte. "Adam, aber ehrlich würdest du?"

"Schweiz, Jamie! Das ist ein Nicht-Angriffsabkommen.", witzelte er.

"Bitte Adam, mal angenommen, es gäbe das 'Abkommen'", die Gänsefüßchen malte sie in die Luft, was Adam ebenfalls nicht hatte sehen können, sodass auch das wieder recht überflüssig war.

"Würdest du?"

"Jamie..", Adam räusperte sich und Jamie merkte, dass ihm das Thema durchaus unangenehm war, "Das habe ich doch schon.

Insofern kannst du davon ausgehen, dass du alles andere als hässlich bist, bitte frag nicht weiter, in Ordnung?", sie sah regelrecht vor sich, wie viele Schweißperlen auf seinem Gesicht standen.

Dennoch konnte sie es nicht unterlassen: "Noch eine letzte Frage", fing sie erneut an und als Antwort kam ihr nur ein "Oh, Gott!", entgegen.

"War ich gut?", erkundigte sie sich nervös.

"Ähmm...was?", warf er harsch zurück.

"Ach komm, ich erinner mich nicht mehr an meinen ersten Kuss und hatte nicht wirklich Feedback. War . Ich. Gut?", die letzten drei Wörter betonte sie einzeln. Tatsache war, dass es ihr wirklich wichtig war, es zu wissen, schließlich hatte sie bislang keine Erfahrung und entsprechend keine Vergleichsmöglichkeiten. Zumindest keine, an welche sie sich erinnern konnte.

"Wieso reicht es dir nicht zu wissen, dass du schön bist?", fragte er genervt zurück und seufzte. "Es war besser, als ich gedacht habe.", antwortete er so diplomatisch wie möglich.

"So schlimm?", fragte Jamie entsetzt.

"Nein, nein Jamie.", er kicherte, "So gut."

Kurz darauf unterhielten sie sich über Dessous und wieder bat Adam darum, dass sie nicht weiter reden sollte, dennoch malte sie ihm ein sehr anschauliches Bild und versprach ihm schließlich, dass Adam sie dabei nie begleiten müsse.

Damals, nach dem Telefonat, hatte Jamie ihr Fenster geschlossen, die Heizung dafür auf eine viel zu hohe Stufe gestellt, weil sie in der Nacht nun wieder zu frieren begann und im grauen Nieselregen ging sie shoppen. Durch die aufziehende Kälte draußen, welche sich mit kleinen Eiskristallen kenntlich machte und der Hitze in der Wohnung, bildete sich ein unscheinbarer, noch unsichtbarer Riss im Wunschglas, das Jamie bis zum Rand hin gefüllt hatte.


2014

Jahre später stand das Wunschglas wieder auf ihrer Fensterbank. Nach dem Aufenthalt in den USA hatte Jamie es geleert und mit neuen Wünschen zu füllen angefangen. Es waren erwachsenere Wünsche und sie waren realistischer, bescheidener, aber vor allem seltener, sodass auf dem Boden sich nicht allzu viele Zettel tummelten. Im Verlauf der Zeit, so wie es bei solchen Schäden ist, nahm der Sprung zu, noch immer unsichtbar vor ihren Augen. Im Grunde eine kleine Zeitbombe auf ihrer Fensterbank neben der dauernd umfallenden Amaryllis, der Jamie zwischenzeitlich Lebensmüdigkeit unterstellt hatte.

Als sie mit Adam in ihre Wohnung torkelte, brach der Vollmond sich in diesem Glas und hätte sie hingesehen, hätte sie einen kurzen, zauberhaften Moment glauben können, im Glas den Mond gefangen zu haben. Stattdessen war Jamie damit vereinnahmt, Adam bis zur Couch zu bugsieren. Es war eine helle Nacht, sie konnte leicht seine Umrisse ausmachen.

"Was machst du hier?", der Vorwurf war deutlich zu hören.

"Sitzen?", antwortete er spitzfindig.

"Adam, du hast auf der Fußmatte geschlafen, was willst du hier?", fragte Jamie erneut.

Müde rieb er sich die Augen und wirkte dabei total hilflos: "Ich weiß auch nicht. Nein, keine Ahnung, ich,...", er stand wankend auf, "Ich gehe besser.", er setzte keine zwei Schritte voreinander und machte tatsächlich Anstalten zu gehen. Kurzerhand packte Jamie ihn bei den Schultern und schob ihn einfach zur Couch zurück. Adam ließ sich wunderbar einfach führen.

"Nicht in dem Zustand!", mahnte sie ihn. Sie holte eine Flasche Wasser aus der Küche und warf ihm die Tagesdecke hin. "Die trinkst du leer!", forderte sie ihn auf und legte sie neben ihn auf das Sofa.

"Und morgen reden wir.", sie sah zornig auf ihn hinab. "Nacht!"

"Neinnnn.", lallte er, "Bitte, Jamie, geh noch nicht.", er hielt sie am Handgelenk fest. Sogar überraschend fest.

"Lass mich los.", sie versuchte sich fortzureißen, aber hartnäckig hielt Adam ihr Handgelenk umfasst.

Erschöpft setzte sie sich also neben ihn. "Wieso bist du hier?", fragte sie nun sanfter.

"Ich weiß es nicht.", erwiderte er nun und klang dabei wesentlich klarer. Er griff ihren Träger und zog sie an sich heran.

"Adam, wieso bist du hier?", fragte sie erneut, ihn noch abwehrend und aufrechtsitzend.

Die gleiche Antwort, die eher nach einer Frage klang: "Ich weiß nicht?"

"Bitte Adam.", bat Jamie eindringlich, "wieso bist du hier?"
Mühsam setzte er sich auf, zog sie an sich und sie schmeckte eine fatale Mischung aus Laphroaig, Cherry Beer und Cola. Während des Kusses hatte sie die Augen die ganze Zeit offen und biss Adam schließlich in die Unterlippe, bis er von ihr abließ. Die Augen noch immer geschlossen, flüsterte er wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht durstig: "Deshalb."

Dann küsste er ihren Hals ausgiebig, noch war aber ihre Vernunft eingeschaltet.

"Adam, bitte hör auf.", murmelte sie. Zugegeben klang es nicht sonderlich überzeugend, eher genießend. Daher ließ Adam sich nicht besonders stören und erneut ließ er sie die Mischung schmecken, welche er zu sich genommen hatte. "Adam, ich will nicht einfach eine Besoffenenvögelei sein!", sie stand schließlich auf.

Adam blieb noch auf dem Sofa sitzen. "Das warst du nie, Jamie.", versicherte er ihr erstaunlich nüchtern. Flehentlich hoffte sie, dass er in der Dunkelheit ihre Zweifel an ihrem Vorhaben nicht sehen konnte. Die Unsicherheit, die ein Hund hätte fühlen können, als sie in Richtung ihres Schlafzimmers ging. Das hätte das Ende sein sollen.

So ist es aber manchmal mit dem Konjunktiv- er stellt die eigentlich besseren Optionen vor im vollen Bewusstsein darüber, dass diese niemals die Chance haben werden, an Stelle des Ereignisses zu treten, für das sie verwendet werden.
Aber folgendes geschah wirklich: Unverständlich, oder genau genommen verstand sie recht gut, dass sie so handelte, aber sie wollte es lieber leugnen, drehte sie sich im Türrahmen rum und sah seine Konturen auf dem Rand der Couch sitzen. Ihre Gründe waren schlicht und animalisch und aus diesem Grund bedurfte es drei, vier große Schritte, bis sie ihn mit ihrem Schwung nach hinten riss und küsste.
Sie rollten von dem Sofa und kicherten, als sie aufgeprallt waren, küssten sich weiter. Auch hier hätte es noch enden können, aber unglücklicherweise tat es das nicht. Jamie zupfte an seinem Shirt rum, das er sich über den Kopf zog, Adam küsste sie weiter, schob die Träger von ihren Schultern und flüsterte ihr ins Ohr: "Ich will dich."

Jamie zog ihn an sich und flüsterte zurück: "Ich weiß."

In dem Moment war alles irgendwie ulkig, ein Spaß. Es war leidenschaftlich und schön, nur so wie immer kam das Erwachen. Nicht einmal wenige Stunden danach kitzelten die ersten Sonnenstrahlen ihre Nase und mit einem Lächeln sah sie ihn neben sich. Schlummernd und nackt schlief Adam neben ihr. Nackt. Dieser eine kurze Moment, in dem sie gelächelt hatte, verging jäh. Hastig sog sie Luft ein und verrenkte ihren Kopf, um den BH hinter sich zu finden.

"Nein...nein, nein, nein, nein...NEIN", dachte sie flehentlich und blickte erneut auf den nackten Mann auf ihrem Fußboden. "Doch.", resignierte sie gedanklich. In ihrem Schlafzimmer zog sie sich nur schnell ihre Jeans und ein T-Shirt über und holte leise einen Notizblock aus ihrem Nachttischchen. Sie kritzelte schnell etwas auf das linierte Papier und legte es neben Adam. Dann holte sie sich leider die Notfallration Zigaretten aus der Kommode im Wohnzimmer und schlich sich raus. Mit zittriger Hand machte Jamie sich fluchend draußen eine Zigarette an, vielmehr versuchte sie es vergeblich.
Die erste fiel ihr aus der Hand, die zweite hatte sie so fest in der Hand, dass sie in der Mitte durchbrach, bei der dritten klappte es endlich. Sie sog das Nikotin genüsslich ein.
Sobald Adam allein in ihrer Wohnung aufwachen würde, würde er neben seinem Kopf einen Zettel mit Jamies Schrift vorfinden: "Wenn ich wieder da bin, bist du weg"
Manchmal bekommt ein Glas durch starke Temperaturunterschiede, denen es ausgesetzt wird einen Sprung, der so fein ist, dass es für das menschliche Auge unsichtbar ist.

Dann breitet sich der Riss allmählich bedrohlich aus. Schließlich braucht es nicht mehr viel. Sei es eine sachte Berührung, sei es auch nur eine Feder, die auf dem Glas landet, sodass es dem Riss endlich nachgibt und in tausende glitzernde Diamantsplitter zerspringt.

Jamies Wunschglas hatte vor neun Jahren seinen Sprung erhalten, als sie mit Adam telefoniert hatte. Der Riss hatte sich über neun Jahre im Glas verteilt und an diesem herrlichen Sommertag, war es nicht zersprungen. Allerdings war Jamie so, als würde sie die Scherben auf dem Weg zu Luke unter ihren Füßen stechen fühlen.
7.7.17 20:14
 
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