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Auf dem Weg zu sich selbst

Fix griff Jamie zu ihrem Handy und schrieb Marley: "Bitte, komm sofort zu Luke! Ich meine es vollkommen ernst, es ist wichtig und dringend."

Auf dem Weg zu Luke achtete sie nicht besonders auf ihre Umwelt, als sie rauchend zu Luke marschierte. Entsprechend ignorierte sie die vollkommen gestylten Teeniemädchen, die nicht einmal den Anstand hatten, hinter vorgehaltener Hand über Jamies Schminke von vergangener Nacht zu lästern. Vor ihren Augen, auf ihrer Haut fühlte sie die vergangene Nacht in Schleife nach. Der Zigarettenrauch zog seine Bahnen um sie herum und entsprechend nahm Jamie in der sich umhüllenden Wolke nicht die älteren Menschen wahr, welche pikiert mit der Hand wedelten.

Das Rheinhaus kam endlich in ihr Sichtfeld. Emily war schon bei der Arbeit und etwas verschlafen machte Luke ihr in seinem Pyjama auf. "Hey...", umarmte er sie müde, während er an einer großen dampfenden Tasse nippte, die eindeutig nach Kakao roch.

Der Nikotingeruch stach überraschend in seiner Nase und er wich zurück. Ein Blick verriet ihm, dass irgendwas nicht stimmte. Jamie durchschritt das Wohnzimmer, zog ihre Füße auf der Bank an und machte sich unverzüglich eine zweite Zigarette an.

"Alles okay bei dir?", fragte er und setzte sich ihr gegenüber vorsichtig hin.

"Ja, mhm, ja!", erwiderte Jamie ein wenig zu eilig.

"Jamie, Häschen, entschuldige, aber du siehst grauenvoll aus!", musterte Luke sie besorgt.

"Du hast den Job!", lenkte sie lieber von sich ab und strich sich eine der ungekämmten Strähnen hinter ihr Ohr.

"Warte, was?", vorsichtige Freude schwang nun darin, "Ehrlich, also sicher?"

"Unbefristet.", nickte Jamie, "Und Mr. Mullroy hat mir versichert, dass du es dir verdient hast und es ganz an dir liegt."

Überraschend ließ Luke einen Schrei aus, der Jamie zusammenfahren ließ. "Danke Jamie!"

"Hast du dir selbst zu verdanken.", erwiderte sie achselzuckend.

"Willst du auch einen Kakao?", bot er ihr selbstvergessen an.
Jamie schüttelte den Kopf.

"Weshalb bis du wirklich hier?", stolperte es aus ihm heraus. Unwillkürlich erschauerte sie bei diesem Satz.

"Lass uns noch auf Marley warten, okay?", bat Jamie um eine Schonfrist und bette ihren Kopf auf ihre Knien.

Auf dem Weg zu Luke waren die Straßen in einem Nebel an ihr vorbeigezogen. Gedanklich hing sie noch der verhängnisvollen Nacht nach, da hatte sie sich eher wenig Gedanken darüber gemacht, wie sie es den beiden Wächtern erzählen wollte. Sie könnte es ihnen direkt sagen, sie könnte auch subtil anmerken, dass sie einen Kerl daten musste, den ihre Mutter ihr aussuchen würde. Nach den 3 Stunden Schlaf, die sie mutmaßlich gehabt hatte, hätten ihr die Augen zufallen sollen, aber sie war hellwach. Die plumpste wäre sicherlich die einfachste Weise.

Das Summen der Türklingel erlöste Jamie und Marley stürmte auf sie zu, verharrte bei ihrem Anblick aber kurz: "Man, siehst du schlecht aus!", stellte sie fest.

"Mein Reden, Marls.", schaltete Luke sich ein.

"Wie geht's dir, Lee?", erkundigte Jamie sich höflich.

"Jamie, magst du mir gefälligst die SMS erklären? Du bestellst mich nicht her, um mich das zu fragen.", wetterte Marley zurück und ließ endlich ihre Tasche fallen, die sie vor Anspannung weiterhin fest gekrallt hatte. Auf ihrer Schulter war noch der Abdruck deutlich auszumachen.

"Ich will's aber wissen!", erwiderte Jamie trotzig.

"Gut.", kam es prompt zurückgeschossen und ungeduldig sah sie Jamie an.

"Luke?", Jamie wandte ihren Blick nicht von Marley, "Magst du mir meine Vorsätze herbringen?"

Nach einem kurzen Verschwinden legte er Jamies Liste auf den Holztisch.

"Hast du einen Stift?", fragte Jamie an Marley gewandt.

Triumphierend förderte sie einen zutage. "Dann geh sie mit mir durch.", sagte Jamie einfach. Luke und Marley tauschten einen verwirrten Blick, aber Luke zuckte ahnungslos mit den Achseln. Marley schob die Liste zu sich.

"Erstens", begann Marley feierlich zu lesen, "Keine falschen Signale mehr an Männer..."

"Adam Mullroy.", unterbrach Jamie schnell, "Ich hab ihn gedatet, obwohl ich eigentlich schon wusste, dass ich nichts näheres von ihm will. Und dann hab ich ihm vorgelogen, derzeit nicht soweit zu sein in Bezug auf Beziehungskram. Falsche Signale, also streich es durch.", instruierte Jamie sie.

"Aber ich hab dich drum gebeten, gute Miene zu bösem Spiel zu machen.", wandte Luke schuldbewusst ein.

Milde lächelte Jamie: "Erstens- es war meine Entscheidung und zum anderen habe ich es auch getan, nachdem ich sicher wusste, dass er dich einstellt.", sie drehte sich zu Marley, "Weiter."

Irritiert las sie weiter: "Zweitens Nosce tibi, eigene Fehler zulassen, nicht als Weltuntergang ansehen...."

"Stop!", unterbrach Jamie erneut, "Jetzt gerade überdramatisiere ich. Ich weiß, dass das was ich getan hab, kein Weltuntergang ist, aber es fühlt sich so an. Und wie es scheint habe ich dich", mit schiefem Mund sah sie Marley entschuldigend an, "herbestellt in einem Ton, in dem du dir irre Sorgen gemacht hast."
"Aber es ist doch nicht schlimm, was da mit Lukes Boss passiert ist.", verteidigte Marley Jamie.

"Nein, eben! Das ist es nicht, es ist was anderes.", bestätigte Jamie und forderte Marley mit einer Handbewegung weiterzulesen.

"Drittens: Sich nichts einreden lassen.", Marley stoppte umsichtig schon danach im Wissen, Jamie würde sie ohnehin unterbrechen.

"Luke wollte es für sich behalten.", dankbar lächelte sie ihm zu,

"aber Sophia hat mir eingeredet, ich wäre am Scheitern der Beziehung mit Daniel schuld."

"Du hast die Affäre deines Ex getroffen?", echauffierte Marley sich.

"Ist das nun nicht auch egal?", fragte Jamie zurück und Marley strich den Punkt durch.

"Viertens: Nicht rückfällig werden, was Adam betrifft!!!", diesmal ließ Jamie sie zu Ende lesen.

Jamie holte tief Luft: "Hier nun ist mein Weltuntergang Leute: Ich hab gestern mit Adam geschlafen."

Wütend auf Adam drückte Marley ihre Lippen aufeinander und strich auch den langsamer als nötig Vorsatz durch. Dabei übe sie so viel Druck aus, dass der Strich als Abdruck auf dem Tisch wohl bleiben würde.

"War's wenigstens gut?", fragte Luke boshaft. Jamie biss sich auf die Unterlippe und Luke nickte Marley besänftigend zu:

"Wenigstens hat es sich für sie gelohnt, mach dir also keine Sorgen."

"Fünftens: Aus Fehlern endlich was lernen zum wiederholten Male was Adam....", Marley begann es schon durchzustreichen. Jamie erklärte noch: "Auch das Mal, das Lee vor dir verschwiegen hat.", sie sah Luke unverwandt an, "Kurz nachdem ich mit Jason gesprochen hatte, war er betrunken bei mir und wenn Marley nicht gekommen wär, ich weiß auch nicht, was dann wäre. Aber ich hab ihn rein gelassen." Diesesmal verteidigte Marley sie nicht einmal, sie wusste, dass er in ihre Wohnung gestürmt war, nur so oder so, sie hatte mit ihm geschlafen, was beinhaltete also weniger 'Aus Fehlern lernen' als das?

"Sechstens: Ehrlich sein.", spottete Jamie über sich selbst, "Ich hab Adam Mullroy angelogen, ich hab Sophia verschwiegen, wie ich von der Affäre erfahren habe...", Marley strich es durch.

"Siebtens: Aufschieberitis beenden.", Jamie sah Marley an, "Ich hab dir nichts von dem Vorfall mit Ben erzählt, sondern es immer weiter vor mir aufgeschoben.", gehorsam strich Marley es durch.

Die gesamte Liste war nun mit blauem Kugelschreiber weggestrichen. Jamie nahm sich nun den Kugelschreiber und strich den achten Punkt durch, der nun mehr als offensichtlich fehl am Platz war: Achtens: Eingegangene Versprechen Einlösen und damit verbunden Wetten gewinnen."

Die drei sahen nun auf die Liste, sie war nicht einmal einen Monat alt und es war, als hätte Jamie sich regelrecht vorgenommen, jeden einzelnen Vorsatz zu brechen.

"Welche Geschichte mit Ben?", fragte Luke stirnrunzelnd. Marley ignorierte es geflissentlich: "Du hast wirklich mit Adam geschlafen?", Jamie nickte, "Oh, Jamie!", seufzte Marley.

In Kürze berichtete Jamie von Travis Hochzeit und wie sie Adam dann vorgefunden hat, was danach passiert ist, nicht in den bunten oder dämmergrauen Details, in denen sie es gesehen hatte.

"Ich will mich da nicht für entschuldigen.", sagte Jamie seufzend, es war dämlich. Die beide nickten.

"Und jetzt?", Luke stellte gewöhnlich die richtigen Fragen, die auf die Jamie meist keine Antwort hatte. Nicht heute: "Ich hab ihm eine Nachricht geschrieben und neben seinen Kopf gelegt: "Wenn ich wieder da bin, bist du hier raus."

Verblüfft hob Luke seine Hand zum High Five.

"Hat er wenigstens irgendwas witziges gesagt? Du weißt schon, seine üblichen postkoitalen Anekdoten.", neugierig erhoffte er sich einen dieser Sätze. Damit konnte Jamie nicht dienen.

"Und welche Sache mit Ben, Marls?", stellte er die Frage erneut. Marley erzählte, dass Ben bei Jamie gewesen war, um um eine zweite Chance zu bitten. Allerdings war er dabei recht falsch rübergekommen.

"Und Marc?", wandte Jamie ein und nach Marleys Erröten schloss Luke sich an : "Und Marc?"

"Wir ...es ist noch inoffiziell Leute.", sie klimperte mit den Wimpern, "Aber ja, ich bin seine Freundin, er ist mein Freund."

"Ohhhhh...", seufzten Luke und Jamie im Chor.

Sie redeten noch Stunden weiter, warum Jamie bei Sophia war, wie das mit Marc zustande gekommen war, später ging es dann um Adam Mullroy, Lukes festen Job und schließlich wechselten sie das Thema hin zu der Hochzeitsplanung. Gegen Nachmittag, als Luke sich das erste Bier aufmachte, prostete er Jamie zu: "Darauf, dass der Kerl deiner Mutter erträglich wird."

"Ach ja!", kicherte Marley schadenfroh.

Obgleich Jamie sich redlich Mühe gegeben hatte, jeden einzelnen Vorsatz zu brechen, wollte sie doch wenigstens das Versprechen ihres verlorenen Wetteinsatzes einlösen. Jasmine war vollkommen hin und weg und am Telefon noch nie so angetan von der Bitte ihrer Tochter, ihr doch in Date zu organisieren. Nicht einmal eine Viertelstunde später meldete sie sich wieder bei ihrer Tochter und nannte ihr Zeit und Ort. Es war ein sanfter Julitag, an welchem Jamie auf einer Parkbank in ihrem besten Sonntagskleid - sie durfte das Treffen nicht sabotieren- auf Mr. Scott wartend. Auf sie zu kam ein Mann mit dunklen Haaren, dunklen Augen und hohen Wagenknochen , er war hochgewachsen und sein Jackett war souverän aufgeknöpft, Jamie fühlte sich mit ihrem Kleid nun gänzlich overdressed. Endlich stand der Fremde vor ihr und nahm seine Hand aus er Jackettasche, um sie ihr zu reichen. "Hey!", grüßte er sie gelassen. Jamie schluckte über den gelinden Schock hinweg und versuchte ihre Stimme wiederzufinden: "Hi"

"Gehen wir ein Stück?", fragte er gelassen und Jamie nickte. Wie sich herausstellte, war Mr. Scott oder Peter, gebildet, kultiviert, vielversprechend aus gutem Hause, so hatte ihre Mutter ihn Jamie auch vor 2 Wochen auf der Ausstellung vorgestellt. Wie sich herausstellte arbeitete Peter nebenher an einem Forschungsinstitut zur Krebsfürsorge, welches im gleichen Glasgebäude war, in dem Lukes Firma saß. Daher aß Peter des Öfteren in der netten Brasserie eine Straße weiter, weil er ein Faible für die französische Ars vivendi hatte und zu seiner Gelassenheit kam, obgleich eine ungeschickte Frau ihm ihren Kaffee über den Ärmel schüttete. Und im anfänglichen Smalltalk erzählte er Jamie, bei der Chagallausstellung gewesen zu sein, allerdings am frühen Nachmittag gegangen zu sein, als Jamie auf sich beim Kauf des Bildbandes Augen gerichtet fühlte. Peter, den sie verschmäht hatte, aufgrund dessen er ihr von ihrer Mutter ausgesucht wurde. Seltsam wie sich alles klärt.

Zum Ausklingen des Abends saß Jamie auf einem Sims vor ihrem Hauseingang. Der Abend war noch zu schön, um wieder rein zu gehen. Sie strich sie verklebte Haare aus dem Nacken und schloss genüsslich die Augen bei den letzten wärmenden Sonnenstrahlen dieses Tags. Im Grunde mochte sie es sich noch nicht eingestehen, aber sie mochte ihn tatsächlich ganz gern. Sicher würden gleich drei oder mehr Nachrichten ihrer Mutter auf dem Anrufbeantworter auf sie warten und sie dazu ermahnen, ihr von der Verabredung brühwarm zu erzählen. Mit einem riesigen Grinsen rief sich Jamie Peters samtweiche Stimme ins Gedächtnis und rappelte sich mühsam auf.
13.7.17 23:51
 
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